„Manipulation im Sinne der Regierung“

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Der Stadtverband der CDU fragte nach der Glaubwürdigkeit "von Medien". | Umfragen-Ausriss
Der Stadtverband der CDU fragte nach der Glaubwürdigkeit „von Medien“. | Umfragen-Ausriss

Am Mittwoch möchte die Bautzener CDU im Rahmen der Demokratiewochen über das Thema „Presse in der Kritik: Wie arbeiten Medien wirklich?“ diskutieren. Eingeladen hat sich der Stadtverband dazu Ulrich Wolf (Sächsischen Zeitung), Johann Michael Möller (MDR-Hörfunkdirektor und stellvertretender Intendant) sowie Anna-Maria Schielicke (Medienwissenschaftlerin der TU Dresden).

Im Vorfeld und um sich auf die Veranstaltung ordentlich einzustimmen, schaltete die Union eine Online-Umfrage mit dem Titel „Glaubst Du, was Du liest, siehst, hörst?“, deren nicht repräsentative Ergebnisse (PDF) sie nun veröffentlichte.

YouTube kommt nicht vor

Die Initiatoren wollten mit dem dutzenden Fragestil vor allem Jugendlichen (14 bis 22 Jahre) erreichen – wie die Altersstaffelung der Teilnehmenden allerdings zeigt, waren es vor allem die 23 bis über 55-Jährigen, die an der Befragung teilnahmen. So verzichtete der Stadtverband auf eine gesonderte Auswertung dieser Gruppe, da sich keine wesentlichen Unterschiede zum restlichen Feld ausmachen lies. „Lediglich bei der Frage nach den genutzten Medien lagen bei der Jugend die Social-Media-Kanäle stärker im Trend, das öffentlich-rechtliche Radio und die Lokalzeitung werden deutlich weniger genutzt.“

Dazu muss man anmerken, dass die Frage nach der täglichen Mediennutzung von Jugendlichen äußerst undifferenziert ausfiel. Sinngemäß lauteten die Antwortmöglichkeiten: Tageszeitung, Wochenzeitung, Boulevardzeitung, Magazine, Radio, Fernsehen, Social-Media („Twitter, Facebook etc.“). Dass sich hieraus kein trennscharfes Bild ergeben konnte, zeigt alleine schon die Tatsache, dass das Informationsmedium der Jugend, nämlich YouTube, von den Fragestellern unter „etc.“ zusammengefasst wurde.* LeFloid etwa, einer der bekanntesten YT-Gesichter in der Sparte „Information“, versammelte mit seinen letzten drei Videos etwa 1,2 Mio. Kinder und Jugendlichen vor den Bildschirmen. Als 14-Jähriger hätte ich die Umfrage spätestens bei diesem Punkt abgebrochen.

Manipulation im Sinne der Regierung, Lügen, Falschdarstellung

In Anspruch genommen wurde die Umfrage nun also fast ausschließlich von jenen, die mutmaßlich die Schnauze voll haben von BILD bis Neues Deutschland – Rezipienten also, die sich anscheinend irgendwann einmal mit diesen Produkten befassten.

Neben formalisierten Antwortvorgaben enthielt der Fragebogen ebenso auch freie Felder, die von einigen „medienkritischen“ Teilnehmerinnen und Teilnehmern für sehr bemerkenswerte Aussagen genutzt wurden. Auf die Frage etwa „Wenn Du den Begriff ‚Lügenpresse‘ für gerechtfertigt empfindest – bitte verrate uns die Gründe dafür!“ erhielt der Stadtverband folgende Antworten (kleine Auswahl):

Bei Berichterstattungen, die wichtig sind (Anschläge in München) habe ich im Ausland (Urlaub in Ungarn) andere Informationen erhalten, die hier verschwiegen wurden.

Manipulation im Sinne der Regierung, Lügen, Falschdarstellung.

Es wird nur das berichtet, was die Politik genehmigt.

Wichtige Nachrichten werden verschwiegen, beschönigt, nur teilwiese gemeldet, der Leser wird bevormundet, primitiv und durchschaubar belehrt.

Es wird probiert nach DDR-Schema das Volk zu lenken durch teilweise falsche Informationen, Einseitigkeit, Nibelungentreue zu den Herrschenden, Abhängigkeit, Karrierismus.

Einseitige Berichterstattung, Panikmache, Hetzerisch, wichtige Informationen werden weg gelassen oder verschwiegen, falsches oder beschnittenes Bildmaterial, Richtigstellungen werden nicht gedruckt oder nur in kleinem Rahmen, Vorurteile werden geschürt, es gibt nur „schwarz oder weiß“ – es ist immer das gleiche „Feindbild“, freie Meinungsäußerungen werden nicht zugelassen etc.

Siehe Brand des Husarenhofes, habe alles (leider) live erleben (dürfen)! Dort wurde gelogen, dass sich die Balken biegen!

Die Frage „Wenn Du der Meinung bist, dass die Medien absichtlich lügen – wie erkennst Du das?“ wurde unter anderem so beantwortet:

Ich bin nicht blöd.

Die wahre Stimmung unter den Bürgern kann ich mir am besten in meiner Kundschaft als Servicetechniker bilden, da alle Schichten der Bevölkerung zu meinen Kunden zählen!

Eigene Erlebnisse.

Gesunder Menschenverstand.

Intuition.

Indem über andere Medien oder soziale Netzwerke ein völlig anderes Bild zum gleichen Sachverhalt gezeichnet wird und größtenteils mit Beweisen belegt wird.

Ich stehe mitten im Leben, durch mein Geschäft spreche ich täglich mit vielen Leuten drüber.

Vergleich z.B. mit Internet.

Indem über andere Medien oder soziale Netzwerke ein völlig anderes Bild zum gleichen Sachverhalt gezeichnet wird und größtenteils mit Beweisen belegt wird.

Mit vergleichender Recherche. Aber unterm Strich lassen sich die Aussagen natürlich nicht ohne riesigen Aufwand selber nachprüfen. Man ist also abhängig von den Medien.

Ich erkenne es, weil ich mich nicht verlassen und ich mir nicht nur eine Seite der Medaille anschaue, sondern beide Seiten!! Alternative Medien sind heutzutage sehr wichtig!!

Betrachtet man sich die Umfrage-Ergebnisse in ihrer vollen Pracht, wird deutlich, dass sich die Kritik vornehmlich gegen die Produktionen größerer und kleinerer Verlagshäuser sowie Öffentlich-Rechtlicher Sendeanstalten richtet. Mit Medien ist dann nämlich nur ein winziger Ausschnitt des täglichen Medienbetriebs gemeint. Blogs, YouTube-Kanäle, Facebook-Profile oder Snapchat-Chanel – all das sind Werkzeuge, mit denen Informationen unters Volk gebracht werden können. Aber diese „Alternativ“-Medien werden gar nicht erfasst von dieser Über-Kritik. Vielmehr werden sie als wahrheitsbringendes Gegenstück zur „Lügenpresse“ aufgebaut.

Alle Medienerzeugnisse kritisieren

Ken Jebsen von KenFM beispielsweise behauptete vor einiger Zeit in einem seiner viel beachteten Videos, dass er die „Kelly Family“ nicht kennen würde. Er, der fast ein Vierteljahrhundert im Radio tätig war, wollte mit dieser, zugegeben, unglaubwürdigen Aussage seine Abgrenzung zum Mainstream unter Beweis stellen. Und nun? Sind jetzt alle, die auf YouTube Clips online stellen dreiste Falschaussagenverdreher? Eher nicht. Und genauso muss es sich auch mit der kritischen Auseinandersetzung zeitgenössischer Journalistik verhalten. Verkürzt geschrieben: Wenn Kritik, dann über alle Medienerzeugnisse – vom Flugblatt an der Litfaßsäule bis zum Foto bei Instagram.

* Wer sich explizit mit der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das Studium der JIM-Studie (2015) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest.