Alexander Ahrens: „Ich habe Berlin nicht eine Sekunde vermisst“ #wbwo

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Zehntausende Menschen verließen in den letzten 25 Jahren die Oberlausitz in Richtung Arbeitsplatz – meistens im Westen der Republik. Schulen wurden geschlossen, kulturelle Angebote zusammengestrichen, Öffentlicher Nahverkehr ausgedünnt – ein Vierteljahrhundert nach der Wende scheint die Attraktivität für eine Ansiedlung zwischen Hoyerswerda und Zittau kaum mehr gegeben. Dennoch scheint die Talsohle durchschritten, jedenfalls für die „versteckten Perlen“, wie eine Studie Bautzen und Görlitz kürzlich nannte. Beide Flußgemeinden verzeichnen seit drei Jahren steigende Bevölkerungszahlen. Warum ziehen Menschen, entgegen des allgemeinen Trends, in die Oberlausitz? Warum lassen sie sich nieder zwischen Spree und Czorneboh, zwischen „Nor“ und „Gorni“, in mitten von unüberhörbarer Stille? Das wollte ich wissen, von 10 Neu-Oberlausitzerinnen und -Oberlausitzern für die Serie „Warum Bautzen? Warum die Oberlausitz?“.

Name: Alexander Ahrensalexander ahrens | Foto: Stadt Bautzen
Alter: 50
Tätigkeit: Oberbürgermeister der Stadt Bautzen
Wohnort: Bautzen/Budyšin

Wann sind Sie nach Bautzen gezogen?

Im Mai 2009.

Aus welchen Gründen sind Sie nach Bautzen gezogen?

Meine Frau kommt aus der Gegend (in Meschwitz bei Hochkirch aufgewachsen) und wohnte vorher in Großdubrau. Wir beide fanden Bautzen natürlich viel schöner, und als wir dann eine große Wohnung gefunden hatten, sind wir dahin gezogen.

Wo haben Sie vorher gewohnt?

Meine Wohnung in Berlin habe ich behalten, so lange ich noch arbeitsbedingt zwischen Bautzen und Berlin pendelte, also bis Ende 2012.

Was erzählte man Ihnen, als bekannt wurde, dass Sie nach Ost-Sachsen ziehen?

Man stellte mir eher Fragen wie: „Wooohin??“, „Warum?“, „Hääh?“

Was gefällt Ihnen besser in Bautzen als in Berlin?

Als ich das allererste Mal in Bautzen war, habe ich zu meiner Frau gesagt: „Ich ziehe hier sowieso irgendwann hin“, sie hat mir das zunächst nicht geglaubt. Aber Bautzen ist eine der schönsten Städte Deutschlands, mit hoher Lebensqualität: wunderschöne Altstadt, tolles Umland, guter Zugang zu hochwertigen regionalen Lebensmitteln, relativ nah an Berlin, Breslau und Prag, um die Ecke von Dresden und Görlitz. Eine ideale Stadt für Familien.

Was gefällt Ihnen weniger gut?

Durch meine Zeit in China, insbesondere in Shanghai in den späten 90er Jahren, hatte ich definitiv eine Überdosis Großstadt abbekommen. Ich war und bin deshalb gerne bereit, in einer kleineren Stadt zu leben. Dass es hier keine Philharmonie und sonstiges immense Kulturangebote wie in Berlin gibt, ist doch klar. Aber dafür überwiegen die Vorteile doch so deutlich für mich. Ich habe an der Stadt nichts auszusetzen.

Inwieweit hat sich nach Ihrer Ankunft der Blick auf Bautzen verändert?

Ich habe Berlin nicht eine Sekunde vermisst; das sagt einiges über Bautzen. Je besser ich die Stadt und die Region kennenlerne, desto mehr Chancen und Potentiale sehe ich hier.

Welche städtischen Probleme würden Sie als erstes angehen, wenn Sie für eine Woche Oberbürgermeister wären?

Zufälligerweise bin ich doch tatsächlich Oberbürgermeister, und besonders wichtig finde ich, dass wir die Stadt auch für die Generation unter 30 wieder attraktiv bekommen – denn wenn uns noch mehr junge Leute abwandern, ist es doch weniger schön hier. Die Stadt muss städtischer, also lebendiger werden. Infolge der Komplexität der Verwaltung kann man in einer Woche allerdings gerade mal die Verwaltungsgebäude der Stadt flüchtig kennenlernen. Man muss hier in deutlich größeren zeitlichen Dimensionen rechnen. Aber das lohnt sich und passt zu einer über 1000-jährigen Stadt ohnehin recht gut.

Sind Sie der Meinung, dass sich die Menschen in Bautzen in ausreichendem Maße die Entwicklung ihres Ortes einbringen?

Hier gibt es sehr viele engagierte Menschen, die sich auch über alle möglichen Vereine oder sonst ehrenamtlich einbringen. Die Herausforderung für mich als OB besteht darin, diesen Reichtum der Stadt nicht nur zu erhalten, sondern Möglichkeiten zu schaffen, dass noch mehr Identifikation für die Stadt und Wille zum Engagement entsteht.

Wie gehen Sie da vor?

Wir in der Stadtverwaltung machen uns intensiv Gedanken darüber, wie wir mehr Menschen für die Entwicklung der Stadt begeistern können und in diese Entwicklung einbeziehen können. Bis 3. Oktober finden in Bautzen die Demokratiewochen mit rund 60 Veranstaltungen statt; über die Jugendideenkonferenz sind wir seit einigen Monaten mit rund 100 engagierten Jugendlichen im Gespräch. Auch das wird ein längerer Prozess. Als OB sehe ich mich als ersten Diener der Stadt. Die Bautzenerinnen und Bautzener könnten allerdings noch viel stolzer auf ihre tolle Stadt und Heimat sein.

Werden Sie in Bautzen bleiben?

Aber sowas von sicher!!

Warum?

Mein Beruf ist für mich eher Berufung, und das hat viel mit dem oben Gesagten zu tun. Außerdem sind meine Familie und ich sehr glücklich hier. Wir hatten zum Beispiel einen wirklich schönen Familienurlaub mit den vier Kindern in Finnland, Schweden und Dänemark. Trotzdem haben wir uns alle wieder auf Bautzen gefreut. Spätestens da weiß man, wie sehr man an Bautzen hängt.

Was verbinden Sie mit dem Sorbischen?

Im Stammbaum unserer Kinder finden sich auf beiden Seiten sorbische Familiennamen, neben der „Eule“ (Sowa) lustigerweise auch „Hase“ und „Jäger“ (Huchatz und Haink). Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, warum sich nicht ausnahmslos jeder hier über diese zwei Kulturen und ihr langes Zusammenleben freut. Aber ich hoffe, dass das Selbstverständliche und Beiläufige des Miteinander- und Nebeneinanderlebens wieder stärker hervortritt. Wenn ich mir da insbesondere die Unter-30er-Generation beider Sprachgruppen ansehe, bin ich vorsichtig optimistisch, dass es langsam wieder in die richtige Richtung läuft. Und wenn das Bewusstsein für diesen kulturellen Reichtum zurückkehrt, kann das eigentlich nur gut sein.

Ihr Ort in drei Worten?

Heimat. Lebenswert. Unterschätzt.

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4 Gedanken zu „Alexander Ahrens: „Ich habe Berlin nicht eine Sekunde vermisst“ #wbwo

    1. Ach so, Okay.
      Naja, wenn man einmal die Nase voll hat von Großstadt, dann geht das.
      Ich slebst muss sagen, ich war bin gerne Freunde Besuchen, ich komm in Berlin auch ganz gut zurecht, aber ich bin FROH! wenn ich das Ortsausgansschild sehe…

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