Annalena: „Die Wohnungspreise sind super“ #wbwo

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Zehntausende Menschen verließen in den letzten 25 Jahren die Oberlausitz in Richtung Arbeitsplatz – meistens im Westen der Republik. Schulen wurden geschlossen, kulturelle Angebote zusammengestrichen, Öffentlicher Nahverkehr ausgedünnt – ein Vierteljahrhundert nach der Wende scheint die Attraktivität für eine Ansiedlung zwischen Hoyerswerda und Zittau kaum mehr gegeben. Dennoch scheint die Talsohle durchschritten, jedenfalls für die „versteckten Perlen“, wie eine Studie Bautzen und Görlitz kürzlich nannte. Beide Flußgemeinden verzeichnen seit drei Jahren steigende Bevölkerungszahlen. Warum ziehen Menschen, entgegen des allgemeinen Trends, in die Oberlausitz? Warum lassen sie sich nieder zwischen Spree und Czorneboh, zwischen „Nor“ und „Gorni“, in mitten von unüberhörbarer Stille? Das wollte ich wissen, von 10 Neu-Oberlausitzerinnen und -Oberlausitzern für die Serie „Warum Bautzen? Warum die Oberlausitz?“.

Name: AnnalenaAnnalena
Alter: 30
Tätigkeit: Historikerin und „Digital Humanist“
Wohnort: Bautzen/Budyšin

Wann bist du nach Bautzen gezogen?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten, da es ein „Umzug auf Raten“ war. Am 1. September 2015 habe ich meine Stelle in Bautzen angetreten. Allerdings bin ich bis Dezember noch zwischen Hessen und Sachsen im Zweiwochentakt gependelt, da ich dort noch einen Job bis Jahresende hatte. In dieser Zeit habe ich in Bautzen in einer WG gewohnt und in Hessen nebenher meine Wohnung aufgelöst. Am 4. Januar bin ich dann nach Bautzen gezogen. So ganz wollte ich mich aber noch nicht auf die Stadt einlassen und bin vorerst in eine Ferienwohnung gezogen, damit ich erstmal testen konnte, ob ich es tatsächlich drei Jahre (so lange geht mein Arbeitsvertrag) hier aushalten kann. Bautzen hat den Test bestanden und seit 1. August bin ich dabei mir selbst eine Wohnung einzurichten. Ich glaube, dass ich irgendwann zwischen Januar und August nach Bautzen gezogen bin. Physisch schon im Januar, der Kopf hat etwas länger gebraucht.

Aus welchen Gründen bist du nach Bautzen gezogen?

Ich bin aus beruflichen Gründen nach Bautzen gezogen. Das Sorbische Institut hatte im vergangenen Juni eine Stelle für eine*n Historiker*in ausgeschrieben, auf die ich mich beworben und tatsächlich auch bekommen habe.

Wo hast du vorher gewohnt?

Ich habe vorher in Gießen gewohnt. Dort bin ich geboren, in einem kleinen Ort in der Nähe aufgewachsen, habe in einer hessischen Kleinstadt Abitur gemacht, in Gießen studiert, in Marburg nach dem Studium drei Jahre gearbeitet und wollte nach der Abgabe der Doktorarbeit in eine Großstadt, da ich forschungsbedingt längere Zeit in Warschau gelebt habe und einen längeren Aufenthalt in Jerusalem hatte. In beiden Städten habe ich festgestellt, dass ich mich in Großstädten wohl fühle.

Der Umzug in eine Großstadt ist nun nicht gelungen, aber ich habe die Hoffnung, dass das in diesem Leben noch etwas wird.

Was erzählte man dir, als bekannt wurde, dass du nach Ost-Sachsen ziehst?

Nachdem ich Freunden und Familie erzählt habe, dass ich nach Bautzen ziehen werde, habe ich vor allem zwei Sachen gehört: Senf und Knast. Ich bin mir gar nicht sicher, wie viele direkt wussten, dass das in Ost-Sachsen liegt. Es kamen eher die Fragen danach, ob der neue Job in der Gedenkstätte ist oder ob es ein Senfmuseum gibt, in dem ich arbeiten werde.

Erst nachdem ich meine Bedenken bezüglich des Umzugs aufgrund der geographischen Lage und der rechtsextremistischen Vorkommnisse in Sachsen geäußert habe, wurde wohl vielen erst bewusst wo Bautzen liegt.

Was gefällt dir besser in Bautzen als in Gießen?

Uff – das ist schwer! Die Wohnungspreise in Bautzen sind super.

Und wenn man auf Altstädte steht, dann hat Bautzen im Vergleich zu Gießen auch mehr zu bieten.

Was gefällt dir weniger gut?

Die Anbindung an den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Die Fernbusse sind ganz praktisch, allerdings habe ich letztens gelesen, dass die Verbindungen auch wieder eingeschränkt werden sollen.

Die Berge innerhalb der Stadt. Da ich im Tal an der Spree wohne und leider etwas unsportlich bin, fahre ich seitdem ich hier lebe kein Fahrrad mehr. Das ist aber weniger das Problem der Stadt.

Und was mich immens stört: dass die Rechten hier ihre Meinung so offen äußern. Natürlich gibt es die überall und auch in Gießen, wie die letzten Kommunalwahlen leider gezeigt haben, allerdings kannte ich das nicht, dass die Meinung so offen geäußert wird und es kaum Gegendemos gibt.

Inwieweit hat sich nach deiner Ankunft der Blick auf Bautzen verändert?

Wie bereits angedeutet, hat sich mein Blick auf Bautzen seit August/September letzten Jahres und vor allem zwischen Januar und heute sehr gewandelt. Zunächst war ich neutral eingestellt. Am Tag vor meinem Vorstellungsgespräch musste ich leider im Kornmarktcenter erleben, wie ein vermutlich Deutscher Menschen angepöbelt hat, von denen er augenscheinlich ausging, dass diese keine „Deutschen“ sind. Dieses Erlebnis hat wohl dann auch dazu geführt, dass ich mich nach meinem Umzug im Januar direkt für Refugees eingesetzt habe. An diesem Tag hat es dazu geführt, dass meine neutrale Haltung tendenziell ins Negative umschlug.

Nachdem ich die Zusage für die Stelle hatte und die ersten vier Monate ein Pendelleben zwischen Bautzen und Gießen/Marburg geführt habe, bin ich widerwillig nach Bautzen gefahren und war froh, wenn ich freitags wieder im Zug Richtung Hessen saß. In der Zeit hat sich mein Blick auf Bautzen nicht wirklich verändert.

Ab Januar musste ich mich dann an die Stadt „gewöhnen“. Allerdings hatte ich an den Wochenenden einen gewissen Fluchtreflex und habe kaum ein Wochenende in Bautzen verbracht, sondern habe Freund*innen und Familie besucht und saß weiterhin sehr oft im Zug und Fernbus.

Der Tiefpunkt meines „Blickes auf Bautzen“ war am 21. Februar erreicht. Nach einer Woche Urlaub musste ich an diesem Tag zurück nach Bautzen fahren und las morgens über den Brand des Husarenhofes und die jubelnden Menschen. Ich wäre an diesem Tag am liebsten gar nicht nach Bautzen gefahren. Ich war gerade noch in der Probezeit und hätte in dieser Woche noch die Chance gehabt einfach zu kündigen. Nicht wegen des Jobs, es wäre ausschließlich wegen der Stadt gewesen. Ich bin aber zurück gefahren, primär weil zwei Kinder einer Familie aus Syrien am 22. Februar ihren ersten Schultag in Deutschland hatten und ich versprochen hatte, sie zu begleiten.

In der folgenden Zeit wandelte sich dann mein Blick auf die Stadt. Die Aktionen, die nach dem Brand des Husarenhofes gemacht wurden und die Menschen, die ich im Laufe der Zeit kennenlernen durfte, haben sehr geholfen anzukommen. Mittlerweile verbringe ich die meisten Wochenenden in Bautzen. Der Fluchtreflex ist nicht mehr vorhanden und Freund*innen in Gießen klagen schon, dass ich so selten auf „Heimatbesuch“ komme.

Annalenas Blick ins Spreetal | Foo: Annalena
Annalenas Blick ins Spreetal | Foto: Annalena

Bringst du dich in die Entwicklung deines Ortes ein?

Jein!

Das heißt?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich wirklich in die Entwicklung Bautzens einbringe. Ich arbeite seit meiner Ankunft im Januar mit und für Refugees und helfe ihnen in der Stadt anzukommen beziehungsweise nach ihrer Anerkennung die Stadt zu verlassen, sofern sie nicht hier bleiben möchten. Ich bin mir nicht sicher, ob das direkt etwas für die Entwicklung Bautzens bringt oder ob die Mehrheit der Menschen das so sehen würde. Meines Erachtens bringen die Refugees – gerade die, die sich für ein Leben in der Stadt nach ihrer Anerkennung entscheiden – die Stadt weiter. Sie wird dadurch jünger und „bunter“. Aber ob ich einen Anteil daran habe, dass sich die Menschen dafür entscheiden in Bautzen zu bleiben und ich damit der Entwicklung der Stadt etwas bringe, glaube ich nicht.

Welche städtischen Probleme würdest du als erstes angehen, wenn du für eine Woche Oberbürgermeisterin wärst?

Für tiefgreifende Dinge wäre in einer Woche kaum Zeit. Gerade in Bezug auf die Integration der Refugees hätte ich viele Ideen, die sich in einer Woche aber nicht umsetzen ließen. Deshalb ganz klein und bescheiden: Ich würde mich dafür einsetzen die Spree mehr in die Stadt zu holen. Mein Eindruck ist, dass die Spree zwar durch die Stadt fließt, aber kein Ort ist, an dem sich viele Menschen aufhalten. Es müssten mehr Stellen am Fluss im Stadtgebiet geschaffen werden, an denen man sich tagsüber und/oder am Abend aufhalten kann. Solche Plätze habe ich bisher noch nicht so wirklich gefunden. Sollte es sie tatsächlich nicht geben, so würde ich mich dafür einsetzen, solche zu schaffen.

Wirst du in Bautzen bleiben?

Vermutlich nicht!

Warum?

Mein erster Arbeitsvertrag hier ging bis 2018. Mittlerweile habe ich einen Vertrag bis 2019 unterschrieben. Ich gehe derzeit davon aus, dass ich (spätestens) im Juli 2019 nicht mehr in Bautzen wohnen werde. Das hat weniger etwas mit der Stadt zu tun, sondern primär mit den Umständen unter denen junge Wissenschaftler*innen in Deutschland arbeiten und leben müssen und was von uns in Bezug auf die (geographische) Flexibilität verlangt wird.

Was verbindest du mit dem Sorbischen?

Es ist die Sprache, die ich derzeit lernen darf und „das Sorbische“ hat mich nach Budyšin „gelockt“.

Weitere Äußerungen dazu fallen mir schwer, da es sicher nicht „das Sorbische“ gibt. Genauso wenig gibt es „das Deutsche“. Ich würde wohl lediglich Stereotype aufzählen, weshalb ich lieber nicht mehr sage.

Dein Ort in drei Worten?

Vor einem Jahr: alt, weiß, konservativ

Heute: eigentlich ganz nett

5 Gedanken zu „Annalena: „Die Wohnungspreise sind super“ #wbwo

  1. Waren denn Warschau und Jerusalem keine Großstädte?
    Ein Treffpunkt an der Spree? Mir fällt eigentlich nur die „Löschwasserentnahmestelle zu Unterhaltungszwecken“ ein. Ansonsten sind die Strandgrundstücke leider meistens in Privatbesitz.

    1. Doch Warschau und Jerusalem waren Großstädte und ich liebte das Leben dort. Keine der beiden Städte war aber je mein Erstwohnsitz, ich war mehrmals für einige Monate in Warschau etc. Ein wirklicher Umzug in eine Großstadt hatte ich angestrebt. Nun ist es erstmal Bautzen geworden 😉

      Die Löschwasserentnahmestelle ist aber nicht wirklich schön und war den kompletten Sommer umzäunt, da das dort ja gebaut wurde. Aber vielleicht entwickelt sich das im kommenden Jahr zu einem Platz, der etwas zu bieten hat.

    2. Wir hatten da ja mal einen Biergarten, das war aus meiner Sicht so ein Ort. Den hat die Spree dann allerdings in Eigeninitiative beseitigt und jetzt ist da eben die Löschwasserentnahmestelle, die zufällig aussieht wie eine Treppe.

    1. Es geht bei der Verwendung des Wortes „Refugees“ anstelle von „Flüchtlingen“, „Geflüchteten“ etc. um eine ganz bewusste Abgrenzung von den Worten, die die Menschen alleine auf das Flüchten oder geflüchtet sein beschränken. Dabei würde ich auch auf ein deutschsprachiges Wort zurückgreifen, ich habe aber bisher kein Wort gefunden, das im Deutschen die Bedeutung von „Refugees“ auszudrücken vermag — ggf. ginge noch „Zufluchtsuchende/r“, allerdings ist dies wenig gebräuchlich.

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