Diana: „Die Engstirnigkeit gegenüber neuen Dingen“ #wbwo

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Zehntausende Menschen verließen in den letzten 25 Jahren die Oberlausitz in Richtung Arbeitsplatz – meistens im Westen der Republik. Schulen wurden geschlossen, kulturelle Angebote zusammengestrichen, Öffentlicher Nahverkehr ausgedünnt – ein Vierteljahrhundert nach der Wende scheint die Attraktivität für eine Ansiedlung zwischen Hoyerswerda und Zittau kaum mehr gegeben. Dennoch scheint die Talsohle durchschritten, jedenfalls für die „versteckten Perlen“, wie eine Studie Bautzen und Görlitz kürzlich nannte. Beide Flußgemeinden verzeichnen seit drei Jahren steigende Bevölkerungszahlen. Warum ziehen Menschen, entgegen des allgemeinen Trends, in die Oberlausitz? Warum lassen sie sich nieder zwischen Spree und Czorneboh, zwischen „Nor“ und „Gorni“, in mitten von unüberhörbarer Stille? Das wollte ich wissen, von 10 Neu-Oberlausitzerinnen und -Oberlausitzern für die Serie „Warum Bautzen? Warum die Oberlausitz?“.

Farbtupfer am Spreeufer in Bautzen. | Foto: Diana
Farbtupfer am Spreeufer in Bautzen. | Foto: Diana

Name: Diana
Alter: 36
Tätigkeit: Altenpflegefachkraft
Wohnort: dünnes B an der Spree

Wann bist du nach Bautzen gezogen?

Im Dezember 2013.

Aus welchen Gründen bist du nach Bautzen gezogen? 

Familiäre Gründe – und etwas Heimweh.

Wo hast du vorher gewohnt?

Im schönen Potsdam-Kirchsteigfeld.

Was erzählte man dir, als bekannt wurde, dass du wieder nach Ost-Sachsen ziehst?

Von Freunden bekam ich zu hören: „du kommst eh wieder!“ oder „was, da willst du wieder hin?“ Die meisten Leute in Potsdam konnten sich gar nicht vorstellen, dass ich zurückgehe und da glücklich werden kann.

„Wir schaffen das alles schon“, meinte hingegen meine Familie. Und tatsächlich habe ich es mit der Hilfe meiner Liebsten geschafft wieder Fuß zu fassen, worüber ich sehr dankbar bin.

Was gefällt dir besser in Bautzen als in Potsdam?

„Besser“ ist vielleicht das falsche Wort.

Ohne den Vergleich zu Potsdam ziehen zu wollen, hat Bautzen allein für sich allerhand tolle Sachen zu bieten: Die Altstadt, besonders bei Nacht, den Theatersommer, die „Romantica“, das Altstadtfest, den Oberbürgermeister und das Steinhaus mit seinen vielen verschiedenen Veranstaltungen für Groß und Klein. Außerdem ist das sportliche Angebot für Kids wirklich sehr toll.

Was gefällt dir weniger gut?

Die allgemeine Intoleranz einiger Bautzener Bürger; die Engstirnigkeit gegenüber neuen Dingen; diese vielen rassistischen Demos.

Inwieweit hat sich nach deiner Ankunft der Blick auf Bautzen verändert?

Ich war zunächst schon skeptisch wegen allem. Aber durch die großartige Unterstützung meiner Familie konnte einen neuen Beruf erlernen. Zudem haben sich neue Freundschaften entwickelt.

Was allerdings meine Vorahnungen bestätigt bzw. im Negativen übertroffen hat: Das Ausleben der eigenen, bunten Einstellung bzw. Meinungen ist sehr schwierig und wird von den umstehenden Menschen nur teilweise akzeptiert.

Bringst du dich in die Entwicklung deines Ortes ein?

Ja, glaub schon.

Wie?

Ich gehe zu Demos: gegen Rassismus und für mehr Mitmenschlichkeit. Außerdem unterstütze ich meine Tochter darin, ihre Meinung öffentlich zu vertreten, um mit vielen anderen Jugendlichen etwas in Bautzen bewegen zu können.

Welche städtischen Probleme würdest du als erstes angehen, wenn du für eine Woche Oberbürgermeisterin wärst?

Mehr Jugend-Treffs planen, in der dörflichen Gegend Tante-Emma-Läden für die Versorgung der älteren Bevölkerung fördern und Lobby für ärztliche Versorgung machen sowie eine  halbstündige Busverbindungen in die umliegenden Gemeinden fordern. Außerdem würde ich mich für deutlich mehr praktische Jugendarbeit in der Stadt und in den Schulen einsetzen. Denn attraktive (Gesprächs-)Angebote für Kids machen auch Bautzen attraktiv. Ebenso wäre ich die erste Fürsprecherin, wenn es um kostenfreies Schulessen und die Wiederbelebung von Schulküchen ginge. Ach so, und für den Wiederaufbau des Reichentors würde ich mich stark machen.

Wirst du in Bautzen bleiben?

Hmm – ich glaube eher nicht.

Warum?

Weil meine beiden Kinder gerne wieder nach Potsdam / Berlin wollen, um dort zum Beispiel ein Studium zu beginnen. Außerdem schätze ich das tolerantere Leben einer Großstadt.

Was verbindest du mit dem Sorbischen?

Meine Oma, Freunde, die ihre Kinder zweisprachig erziehen, Bautzen als Hauptstadt der Sorben, Osterreiter, sorbische Bräuche, unsere zweisprachigen Schilder und leider die Geschehnisse die sich in den letzten Jahren gehäuft haben, nämlich die Angriffe auf sorbische Jugendliche.

Dein Ort in drei Worten?

Alte Heimatstadt, teilweise braun, schwierige Zukunftsaussichten für Jugendliche.

DünnesB

5 Gedanken zu „Diana: „Die Engstirnigkeit gegenüber neuen Dingen“ #wbwo

  1. Bringst du dich in die Entwicklung deines Ortes ein?
    Ich gehe zu Demos: gegen Rassismus und für mehr Mitmenschlichkeit. Außerdem unterstütze ich meine Tochter darin, ihre Meinung öffentlich zu vertreten, um mit vielen anderen Jugendlichen etwas in Bautzen bewegen zu können.

    Wirst du in Bautzen bleiben?
    Hmm – ich glaube eher nicht.
    Für mich ein typischer Vertreter: der meint mit Demos gegen Rassismus und mehr Mitmenschlichkeit die Ortsentwicklung zu verbessern. Nichts von harter Arbeit, damit Geld für die Ortsentwicklung vorhanden ist. Man braucht nur eine Demo zu besuchen und dann läuft es mit der bunten Ortsentwicklung. Zum Glück hat man schon selbst erkannt, das man wohl am falschen Platz ist.
    Maria

    1. Hallo Maria, nur kurz für Ihr Verständnis und bzgl. Ihrer Auslassung zur „harten Arbeit“: Diana gibt bei Tätigkeit an, dass sie als Altenpflegefachkraft beschäftigt ist.

      Aber selbst, wenn Mensch keiner Lohnarbeit nachgeht, kann er sich dann nicht in die Entwicklung eines Ortes einbringen?

      Ich weiß auch gar nicht, wie positiv die Effekte für einen demokratisch konstituierten Ort sind, wenn man sich bei einem Lebensmittelhersteller für 1.200 Euro den Buckel krumm schuftet. Vielleicht können Sie mir das ja beantworten, Maria. Danke.

      1. Aber selbst, wenn Mensch keiner Lohnarbeit nachgeht, kann er sich dann nicht in die Entwicklung eines Ortes einbringen? — Habe ich das behauptet?

        Ich weiß auch gar nicht, wie positiv die Effekte für einen demokratisch konstituierten Ort sind, wenn man sich bei einem Lebensmittelhersteller für 1.200 Euro den Buckel krumm schuftet. — Warum dieses Beispiel, Sie sind dort doch auch nicht beschäftigt, oder?

        Diana gibt bei Tätigkeit an, dass sie als Altenpflegefachkraft beschäftigt ist.
        Das wusste ich.

        Mein Thema war, sie möchte mit Demos die Ortsentwicklung voranbringen.
        Könnten sie mir Beispiele zeigen, wo man mit Demos gegen Rassismus und für mehr Mitmenschlichkeit die Ortsentwicklung verbessert hat?

        Wer ist nach ihrer Definition ein Rassist Herr Veselin? Bin ich auch eine Rassistin, weil ich nicht die gleiche Meinung habe wie sie?

        1. Zur ersten Frage: Ja, haben Sie behauptet.

          Zur zweiten Frage: Und weil Sie das behauptet haben, dieses Beispiel, das ich hier einmal ausführlich besprochen hatte.

          Zur dritten Frage: Schauen Sie doch bitte selber unter demokratie-bautzen.de nach, da können Sie sehen, wie es sich auswirken kann, wenn Menschen auf die Straße gehen und sich engagieren bzw. den Finger in die Wunde legen. Solch eine Demo darf nie nur als singuläres Ereignis betrachtet werden – hin und wieder wirkt es initial auf andere Menschen und Initiativen sich einzumischen / sich in die Entwicklung ihres Ortes einzubringen.

          Zur vierten Frage: Und ob Sie eine Rassistin sind, kann ich Ihnen nicht beantworten, ich kenne Sie ja nicht. Aber vielleicht hilft Ihnen diese Seite weiter: http://www.derbraunemob.de/bin-ich-ein-rassist/

  2. Herr Veselin

    Ich stelle fest, das wir zur Zeit andere Ansichten haben. Ich schlage vor, wir reden in 5 Jahren noch einmal darüber, dann könnte man feststellen, ob man mit Demos und Demokratiewochen die Ortsentwicklung tatsächlich verbessert hat.

    Ich behaupte mal, wenn man statt auf Demos zu gehen und sich auf Demokratiewochen mit Gleichgesinnten zu treffen seine Zeit nutzt und hart daran arbeitet seine bunten Träume zu verwirklichen – erreicht man eventuell mehr. Dann könnte man vielleicht den vielen Rassisten Beispiele zeigen, das man was erreicht hat als nur zu Reden, wie es so schön bunt sein könnte, wenn nur die Realität nicht da wäre.

    Grüße an alle Bunten von Maria, die Engstirnige

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