Annemarie: „Geschichtsträchtig gespalten“ #wbwo

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Zehntausende Menschen verließen in den letzten 25 Jahren die Oberlausitz in Richtung Arbeitsplatz – meistens im Westen der Republik. Schulen wurden geschlossen, kulturelle Angebote zusammengestrichen, Öffentlicher Nahverkehr ausgedünnt – ein Vierteljahrhundert nach der Wende scheint die Attraktivität für eine Ansiedlung zwischen Hoyerswerda und Zittau kaum mehr gegeben. Dennoch scheint die Talsohle durchschritten, jedenfalls für die „versteckten Perlen“, wie eine Studie Bautzen und Görlitz kürzlich nannte. Beide Flußgemeinden verzeichnen seit drei Jahren steigende Bevölkerungszahlen. Warum ziehen Menschen, entgegen des allgemeinen Trends, in die Oberlausitz? Warum lassen sie sich nieder zwischen Spree und Czorneboh, zwischen „Nor“ und „Gorni“, in mitten von unüberhörbarer Stille? Das wollte ich wissen, von 10 Neu-Oberlausitzerinnen und -Oberlausitzern für die Serie „Warum Bautzen? Warum die Oberlausitz?“.

Annemarie, wenn sie nicht gerade das Web entwickelt |Bild: Annemarie
Annemarie, wenn sie nicht gerade das Web entwickelt | Bild: Annemarie

Name: Annemarie
Alter: 32
Tätigkeit: Webentwicklerin
Wohnort: Bautzen/Budyšin

Wann bist du nach Bautzen gezogen?

Seit Anfang 2015 lebe ich schon nahe dem Ortskern Bautzens. In die Oberlausitz kam ich aber bereits 2013.

Aus welchen Gründen bist du nach Bautzen gezogen?

Die Liebe, natürlich! Eine Fernbeziehung kam für uns auf Dauer nicht in Frage und da ich zu dem Zeitpunkt die besseren Chancen hatte hier schneller Fuß zu fassen, zog es mich weit in den Osten.

Wo hast du vorher gewohnt?

In Mannheim. Klassisch als Stadtkind aufgewachsen in einem Multi-Kulti-Umfeld am äußeren Stadtrand. Je nach Auslegung war es ein aufstrebendes Studenten- und Künstlerviertel oder eben am Rande des Abgrundes. Aber die Leute waren nett und die Miete preiswert.

Was erzählte man dir, als bekannt wurde, dass du nach Ost-Sachsen ziehst?

Das war wirklich bunt gemischt. Meist im Scherz gesagte Warnungen wie „Pass auf dein Fahrrad auf, Polen ist nicht weit“ oder Fragen danach, ob ich nun auch sächseln müsste. War aber alles Quatsch. Mein Rad lebt noch, ich kann nicht mal Sächsisch, wenn ich’s wollte und auch die Entfernung zu Familie und altem Freundeskreis fühlt sich nicht so hart an, wie man mir zuvor angedroht hatte.

Was gefällt dir besser in Bautzen als in Mannheim?

Bautzen hat definitiv viel mehr Natur um sich. Auch gibt es hier viele Menschen, die unkonventionelle Lösungen für Probleme finden anstatt diese lang tot zu reden. Zudem sieht man dem Ort seine Geschichte viel mehr an, er hat sich viel von seinem originalen Charme und Aufbau behalten. Mannheim hat zwar immer noch sein Schloss und seine Quadrate doch wirkt dort alles so neu, überbaut und ersetzt, als ob die Stadt gerade mal ein paar Jahre alt wäre.

Was gefällt dir weniger gut?

Die öffentlichen Verkehrsmittel scheinen oftmals nur pro Forma zu existieren und scheinen auch nicht den Anspruch an sich zu stellen, Menschen so zuverlässig und flächendeckend wie zum Beispiel in Mannheim oder Heidelberg zu versorgen. Und hier sind die Menschen tendenziell aufbrausender und sturer, als in meiner Geburtsstadt. Da wird schneller wegen kleinsten Dingen ein Fass auf gemacht. Zudem gibt’s hier leider viele Menschen, die ein ernsthaftes Problem mit Rassismus haben, weil sie einfach in ihrem Kaff nie so wirklich den Anschluss zum restlichen Europa hatten und schlichtweg mit all den neuen Fremden überfordert sind und einfach nur Angst haben.

Inwieweit hat sich nach deiner Ankunft der Blick auf Bautzen verändert?

Ich war ehrlich überrascht zu hören, wie groß die emotionalen Spannungen der Bautzener in Punkto Sorben sind. Für mich war anfangs einfach klar, dass ein Teil der Leute noch zusätzlich eine andere Sprache beherrscht und zudem auf eine ganz eigene Kultur zurück blicken kann. Welche ja auch zum Beispiel an Ostern gemeinsam gelebt wird. Dass man sich nicht gänzlich als eine homogene Masse an Bautz‘nern versteht, traf mich völlig unerwartet. Vor allem die Nicht-Sorben scheinen in ihren Köpfen noch eine eigene Apartheit zu tragen, welche ich nie erwartet hätte im schönen Städtchen der zweisprachigen Schilder.

Bringst du dich in die Entwicklung deines Ortes ein?

Nicht offensichtlich. Als junge Mutti, die in Vollzeit arbeitet, scheinen die Tage eh schon weniger Stunden zu haben als davor. Aber ich gebe mir Mühe im Kleinen den Ort zu verbessern.

Wie machst du das?

Ich packe an, wo ich kann und sehe, dass Hilfe benötigt wird. Ob es ein fremder Kinderwagen ist, der über Stufen getragen werden muss, rassistische Flyer, die weg müssen, oder ein Euro, der anderen an der Kasse fehlt. Wenn ich sehe, dass ich helfen kann, tue ichs einfach, wie es sich gehört und mache auch mal den Mund auf um klar Stellung zu beziehen.

Welche städtischen Probleme würdest du als erstes angehen, wenn du für eine Woche Oberbürgermeisterin wärst?

Ich würde die Infrastruktur an öffentlichen Verkehrsmitteln ausbauen und zum Beispiel die bestehenden Buslinien durch Rufbusse erweitern. Damit wären Jugend und Senioren vor allem am Ortsrand und in den umliegenden Dörfern mobiler, könnten leichter Dinge in der Stadt erledigen und wären nicht alle auf ein eigenes Auto angewiesen. Dies würde vor allem den Druck von den Rentnern nehmen noch bis ins hohe Alter selbst fahren zu müssen, was den allgemeinen Straßenverkehr auch für die anderen Teilnehmer sicher erleichtert.

Wirst du in Bautzen bleiben?

Sollte sich nicht noch etwas völlig unerwartetes ergeben, werde ich definitiv in Bautzen bleiben. Wünschenswert in Stadtnähe.

Warum?

Hier kann mein Kind Stadt und Land erleben und bekommt auch zu Natur und Tieren einen anderen Bezug wie Kinder, die nicht wissen können, dass Kühe nicht zwangsläufig lila sind. Ich kann bis 20 Uhr noch einkaufen gehen und zeitgleich zusehen wie sich die Jahreszeiten auf den Feldern abzeichnen. Das ist für mich ein perfekter Mix aus beiden Welten.

Was verbindest du mit dem Sorbischen?

Bislang nicht all zu viel. Ich kenne zwar ein paar Sorben, aber wenn mir das niemand gesagt hätte, wäre es mir auch nie aufgefallen. Sie waren bisher immer nett und bis dato kann ich das Vorurteil der „garstigen Minderheit“ überhaupt nicht nachvollziehen. Sollte mein Kind in der Schule mal Sorbisch lernen, würde ich mich da gerne dran hängen und mit machen. Jede Sprache, die man lernen kann, ist eine weitere Möglichkeit sich zu verständigen.

Dein Ort in drei Worten?

Geschichtsträchtig gespalten.

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