Olivia: „Lust auf ein kleines bisschen Anarchie“ #wbwo

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Zehntausende Menschen verließen in den letzten 25 Jahren die Oberlausitz in Richtung Arbeitsplatz – meistens im Westen der Republik. Schulen wurden geschlossen, kulturelle Angebote zusammengestrichen, Öffentlicher Nahverkehr ausgedünnt – ein Vierteljahrhundert nach der Wende scheint die Attraktivität für eine Ansiedlung zwischen Hoyerswerda und Zittau kaum mehr gegeben. Dennoch scheint die Talsohle durchschritten, jedenfalls für die „versteckten Perlen“, wie eine Studie Bautzen und Görlitz kürzlich nannte. Beide Flußgemeinden verzeichnen seit drei Jahren steigende Bevölkerungszahlen. Warum ziehen Menschen, entgegen des allgemeinen Trends, in die Oberlausitz? Warum lassen sie sich nieder zwischen Spree und Czorneboh, zwischen „Nor“ und „Gorni“, in mitten von unüberhörbarer Stille? Das wollte ich wissen, von 10 Neu-Oberlausitzerinnen und -Oberlausitzern für die Serie „Warum Bautzen? Warum die Oberlausitz?“.

Name: Olivia JakschikFoto: Olivia Jakschik
Alter: 40
Tätigkeit: selbständig, Inhaberin von kap:un & Freunde
Wohnort: Bautzen

Wann bist du nach Bautzen gezogen?

Im August 2011.

Aus welchen Gründen bist du nach Bautzen gezogen?

Mein Mann ist ins Löbauer Familienunternehmen eingestiegen, es war also eine lange geplante Rückkehr in der Oberlausitz.

Wo hast du vorher gewohnt?

An einigen Orten : Löbau, Berlin, Mannheim, Leuven, Dresden.

Was erzählte man dir, als bekannt wurde, dass du nach Ost-Sachsen ziehst?

Viele Fragen: Was machst Du dann beruflich? Kann Dein Mann denn nicht von Dresden pendeln? In die rechte Ecke wollt ihr ziehen? In der Kleinstadt ist doch nix los, wie willst Du das denn aushalten? Wie wird denn der Schulwechsel für die Kinder? Gibt es denn dort überhaupt gute Schulen bzw. Kindergärten? Wird Euch das dort nicht einsam, so ohne Eure Freunde? …

Was gefällt dir besser in Bautzen als in den anderen Orten?

Ich genieße die große Freiheit die ich meinen Kindern hier lassen kann, ich bin kein Mama-Taxi, was ich in Dresden ganz sicher noch wäre. Bautzen ist auch gerade noch groß genug, damit das praktische Leben ähnlich laufen kann wie in der Großstadt – ich bekomme auch am Sonntag frische Brötchen wenn ich will, ohne ins Auto steigen zu müssen. Ich kann mir Programmkinofilme ansehen – allerdings nicht wann ich will sondern wenn sie laufen. Die kulturelle Vielfalt ist viel kleiner, aber vorhanden.

Was gefällt dir weniger gut?

Mich nervt das hiesige Bedenkenträgertum – wenn sich jemand was traut werden häufig erst Problemberge aufgebaut, statt mit Worten oder Taten zu unterstützen oder auch einfach mal gemeinsam zu spinnen. Ich vermisse den Mut zur Veränderung, die Mentalität „das hat uns früher auch nicht umgebracht“, gerade in Zusammenhang mit der Kinderbetreuung/Schule/Schulspeisung finde ich völlig fehl am Platz. Hier hält man zuweilen lieber aus, als sich für Neues zu engagieren. Und mir fehlt hier die Offenheit und Neugierde der Menschen untereinander. Als ich in Bautzen neu war, musste ich ganz schön arbeiten um hier jemanden kennnenzulernen. Und nicht erst seit kurzem sorgt mich die in meiner Wahrnehmung wachsende Akzeptanz rechter Gesinnung hier in der Stadt, das Schweigen und Wegsehen, die Ansicht „braun würde ja auch zu bunt dazugehören müssen“.

Inwieweit hat sich nach deiner Ankunft der Blick auf Bautzen verändert?

Gegen all die weiter oben gestellten Fragen habe ich vor unserem Umzug andiskutiert, habe Bautzen und unsere Entscheidung verteidigt. Als wir dann hier lebten, konnte ich das nicht mehr so leicht, hatten sich doch so manche Bedenken bestätigt.

Bringst du dich in die Entwicklung deines Ortes ein?

Ich bemühe mich zumindest.

Wie?

Ich bin Gründungsmitglied im Stadtfamilienrat e.V. Für mich war das damals die Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu kommen, die über den eigenen Tellerrand blicken und auch in die Bautzener Zusammenhänge einzutauchen. Mit drei Kindern und der Außensicht auf die Verhältnisse in Bautzen sind mir auch viele Dinge aufgefallen, die das Engagement von Eltern erfordern um etwas zu verändern. Momentan gibt es hier leider ein wenig die Mühen der Ebene – gute Ideen gehen uns nicht aus, aber es ist leider sehr mühsam Mitstreiter zu gewinnen bzw. auch die Eltern und Familien für deren Belange wir eigentlich eintreten wollen davon zu überzeugen dass es auch gut ist, Dinge zu verändern.

In der evangelischen St.Petri Kirchgemeinde fühle ich mich sehr gut aufgehoben und finde hier viele engagierte Menschen. In diesem Rahmen sammeln wir für Grundschulkinder aus Familien von Geflüchteten und Bedürftigen seit nun fast zwei Jahren zu Weihnachten und zum Schulanfang Füller und andere Schulmaterialien, die dann an die Curie-GS und Fichte-GS gegeben werden.
Dieses Jahr habe ich gemeinsam mit mittlerweile gewonnen Freunden und in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung aus Dresden einen Bürgerdialog in Bautzen ins Leben gerufen. Dies geschah aus der Sorge um die gesellschaftlichen Verwerfungen aufgrund des Zuzugs von geflüchteten nach Bautzen. Bei mittlerweile zwei Terminen konnten BautzenerInnen miteinander in ein wirkliches Gespräch kommen. Die Reihe wird fortgeführt. Beim Nächsten Termin im Herbst wird es um „sozialen Frieden“ gehen.

Auffällig finde ich übrigens, dass sich häufig „Zugezogene“ engagieren, beim Bürgerdialog z.B. 10 zu vier.

Welche städtischen Probleme würdest du als erstes angehen, wenn du für eine Woche Oberbürgermeisterin wärst?

Die meisten Dinge, die mich hier stören, finden ja eher in den Köpfen der Bewohner statt, daher kann ich das gar nicht sagen. Wahrscheinlich würde ich ein öffentliches Frühstück organisieren, wo jeder mit seinem Frühstückskorb an die lange Tafel kommt und die Leute miteinander ins Gespräch kommen können. Oder wie neulich am französischen Nationalfeiertag in einem kleinen provencialischen Städtchen erlebt, würde ich eine Band auf dem Markt zum Tanz aufspielen lassen und alle kramen die Walzer- und ChaCha-Schritte aus dem Gedächtnis und machen mit.
Und ich würde mit Hochdruck jemanden suchen, der in Bautzen eine „alternativere Kneipe“ eröffnet – sowas wir die „Alte Bäckerei“ in Großhennersdorf oder die „Hillersche Villa“ in Zittau fehlt mir hier in der Stadt, aber darauf hätte ich als OB wohl auch wenig Einfluss. Und ich würde einen Sandhaufen auf den Markt kippen lassen – darauf spielen die Kinder und drumrum trinken die Eltern Kaffee – kurz ich hätte Lust auf ein kleines bisschen Anarchie im manchmal allzu geordneten Städtchen.

Wirst du in Bautzen bleiben?

Ja.

Was verbindest du mit dem Sorbischen?

Wahrscheinlich das Übliche: Ostereier, ausladenden Trachten der Frauen, Hochzeitssuppe, Katholizismus, Osterreiten usw. Ich habe keine persönlichen Anknüpfungspunkte. Meine Uroma hat mir als Kind ein sorbisches Kinderlied gelernt. Und jetzt haben wir viele sorbische Mittagsgäste bei uns im Laden. Ich verstehe leider kein Wort.

Dein Ort in drei Worten?

klein-städtisch
entwicklungsfähig
alt bewährt/bewehrt

Granitschädel