Robert: „Unerschöpflicher Quell der Faszination“ #wbwo

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Blog-Archiv

Zehntausende Menschen verließen in den letzten 25 Jahren die Oberlausitz in Richtung Arbeitsplatz – meistens im Westen der Republik. Schulen wurden geschlossen, kulturelle Angebote zusammengestrichen, Öffentlicher Nahverkehr ausgedünnt – ein Vierteljahrhundert nach der Wende scheint die Attraktivität für eine Ansiedlung zwischen Hoyerswerda und Zittau kaum mehr gegeben. Dennoch scheint die Talsohle durchschritten, jedenfalls für die „versteckten Perlen“, wie eine Studie Bautzen und Görlitz kürzlich nannte. Beide Flußgemeinden verzeichnen seit drei Jahren steigende Bevölkerungszahlen. Warum ziehen Menschen, entgegen des allgemeinen Trends, in die Oberlausitz? Warum lassen sie sich nieder zwischen Spree und Czorneboh, zwischen „Nor“ und „Gorni“, in mitten von unüberhörbarer Stille? Das wollte ich wissen, von 10 Neu-Oberlausitzerinnen und -Oberlausitzern für die Serie „Warum Bautzen? Warum die Oberlausitz?“.

Ein Blick in die weite Oberlausitz. | Foto: Robert
Oberlausitz. | Foto: Robert

Name: Robert
Alter: 39
Tätigkeit: Freischaffender Europäischer Ethnologe
Wohnort: Wuischke / Wuježk

Wann bist du nach Wuježk gezogen?

Anfang Juli 2016.

Aus welchen Gründen bist du nach Wuježk gezogen?

Zunächst einmal der Arbeit wegen. Ich bin seit vier Jahren selbständig und habe in der Zeit hauptsächlich mit Projekten in der Lausitz mein Geld verdient – um es dann in Berlin zu verjubeln. Das ist zwar eine Weile lang ganz schön, aber auf Dauer geht auch einem eingeschworenen Liebhaber des Bahnreisens wie mir das Gependel auf die Nerven. Anfang des Jahres begann sich abzuzeichnen, dass es mit der Arbeit hier perspektivisch eher mehr als weniger werden wird. Und irgendwann im Januar stand ich nach einem Spaziergang am Waldrand oberhalb des Kindheitsdorfes, schaute dem Bach nach Richtung Bautzen und dachte so bei mir, dass es nach achtzehn Jahren Zeit sein könnte, zurückzukommen. Dieses Gefühl wurde dann abgeklopft und mit der Freundin ausgiebig befragt. Und jetzt versuchen wir es einfach mal.

Und warum konkret Wuischke? Erstmal ist es wie gesagt das Kindheitsdorf, wo die Eltern noch wohnen. Dann war was frei. Was sehr Schönes. Außerdem – wenn schon denn schon. Ich will niemandem zu nahe treten, aber ich lebe entweder in einer ernstzunehmenden Stadt. Oder richtig auf dem Dorf. In Berlin bin ich einer von Millionen Menschen. In Wuischke umstehen mich wenigstens Millionen von Pflanzen. Kleinstadt oder Reihenhaussiedlungs-Dorf fällt da flach.

Außerdem ärgert man damit die Landesplanung und die mit ihr verbundene Politik, die mit medialer und wissenschaftlicher Unterstützung den Leuten die allmähliche und planmäßige Schließung ganzer Landstriche schmackhaft machen möchte. Gerade war wieder von „kontrollierter Sterbebegleitung“ für größere Teile der Oberlausitz zu lesen. Sowas weckt bei mir den Sportsgeist.

Wo hast du vorher gewohnt?

Bis 1998 in Wuischke. Dann in Berlin, mit kürzeren oder mittellangen Gastspielen an anderen Orten. Aber seit 1998 immer in Großstädten. War schön. Ich mag große Städte.

Was erzählte man dir, als bekannt wurde, dass du nach Ost-Sachsen ziehst?

Ich benutze grundsätzlich für unsere Gegend hier und auch als Herkunftsselbstbezeichnung „Lausitz“ bzw. „Oberlausitz“. „Ost-Sachsen“ ist für mich Radeberg. Ich habe mich nie anderen gegenüber als „Sachse“ bezeichnet, auch „vor Pegida“ übrigens nicht. Ich verbinde mit dem Begriff nichts Heimatliches. Und mit „Lausitz“ geschweige denn „Oberlausitz“ können die wenigstens außerhalb irgendeine konkrete Geografie und an diese geheftete Klischees verbinden. Das ist toll! Es gibt einem so viele Möglichkeiten, selbst Klischees zu erfinden!

So gesehen erklärt man in Berlin dann als Zusatz „aufs Land“. Und da strahlen die Hipster aus dem Inneren des S-Bahn-Rings dann rührselig. Und fragen, ob man schon jemanden für die frei werdende Wohnung hat.

Was gefällt dir besser in Wuježk als in Berlin?

Ich kann das Wetter und die Jahreszeiten spüren. Kaum nennenswerter Verkehrslärm (dafür Rasenmäher und Motorsensen!). Der Wald beginnt gleich hinterm Haus. Jeden Abend Sonnenuntergangskino. Bei Herrn Winkler gibt es die besten Hühnereier der Welt. Endlich, nach Jahrzehnten preußischen Elends, wieder vernünftige Bäcker und Fleischer. Endlich nicht mehr studentischer Touri-/“Szene“-Kiez!

Was gefällt dir weniger gut?

Egal aus welcher Richtung man mit dem Rad nach Wuischke kommt – man hat Gegenwind. Ein kleiner Laden im Dorf wäre gut, der fehlt, seit die Konsumfrau Anfang der 1990er gestorben ist. Im Linienbus nach Bautzen wird man durch den Fahrer mit dem hiesigen, jingleverseuchten, infernalischen Gute-Laune-Radio belästigt. Und an Haltestellen etc. ist man zu oft damit beschäftigt, die neuesten Fascho-Aufkleber abzukratzen.

Was ich vermisse – das wusste ich aber vorher -: den Berliner ÖPNV, die Berliner Kinolandschaft, die Fußläufigkeit im Kiez, das Hops & Barley, den Berliner Freundeskreis.

Inwieweit hat sich nach deiner Ankunft der Blick auf Wuježk verändert?

Ich habe den Geruchssinn der hiesigen Hausameisen unterschätzt.

Bringst du dich in die Entwicklung deines Ortes ein?

Perspektivisch möchte ich das, ja. Erstmal ankommen.

Welche dörflichen Probleme würdest du als erstes angehen, wenn du für eine Woche Bürgermeister wärst?

Das wäre dann Hochkirch / Bukecy. In einer Woche ist ja nur Zeit für Symbolisches. Also:

1. Die Homepage der Gemeinde konsequent und vollständig zweisprachig deutsch-obersorbisch.

2. Wechsel der Gemeinde-Einrichtungen zur Versorgung mit Erneuerbaren Energien (falls noch nicht geschehen) einleiten.

Perspektivisch würde ich mich für eine bessere ÖPNV-Versorgung mit dem Landkreis zusammensetzen (besser Anbindung des Bahnhofs in Pommritz an die bestehenden Buslinien, bessere Versorgung am Wochenende). Ich würde mir mit geeigneten Partnern darüber Gedanken machen, ob mit Unterstützung der Gemeinde in den Ortsteilen ein dezentrales Car-Sharing-Modell sinnvoll und machbar wäre. Die teils sehr schönen Wanderwege könnten eine bessere Beschilderung und touristische Vermarktung vertragen. Was ich schön fände, wäre eine hochtrabend gesprochen „Markthalle“, in der vor Ort erzeugte Lebensmittel verkauft und gekauft werden können. Und um mich bei einigen richtig unbeliebt zu machen: Schauen, ob in den Ortsteilen die Leute nicht aktiviert werden können, leer stehenden Wohnraum für Geflüchtete zu öffnen. Privat, dezentral und menschlich passend zu den konkreten Gegebenheiten. Versuchen kann man es ja mal.

Wirst du in Wuježk bleiben?

Nach einem Monat sollte man diese Frage bejahen können. Für die Zukunft hoffe ich es.

Warum?

Zu oft umziehen nervt.

Was verbindest du mit dem Sorbischen?

Berufliches Arbeitsthema, biografische Herausforderung, unerschöpflicher Quell der Faszination, Geheimnis, Chance, Potenzial.

Dein Ort in drei Worten?

Schönster Arsch der Welt.

Dreisprachig