Luna: „Die Friedrichshain-Kreuzberger sind den Oberlausitzern gar nicht so unähnlich“ #wbwo

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Zehntausende Menschen verließen in den letzten 25 Jahren die Oberlausitz in Richtung Arbeitsplatz – meistens im Westen der Republik. Schulen wurden geschlossen, kulturelle Angebote zusammengestrichen, Öffentlicher Nahverkehr ausgedünnt – ein Vierteljahrhundert nach der Wende scheint die Attraktivität für eine Ansiedlung zwischen Hoyerswerda und Zittau kaum mehr gegeben. Dennoch scheint die Talsohle durchschritten, jedenfalls für die „versteckten Perlen“, wie eine Studie Bautzen und Görlitz kürzlich nannte. Beide Flußgemeinden verzeichnen seit drei Jahren steigende Bevölkerungszahlen. Warum ziehen Menschen, entgegen des allgemeinen Trends, in die Oberlausitz? Warum lassen sie sich nieder zwischen Spree und Czorneboh, zwischen „Nor“ und „Gorni“, in mitten von unüberhörbarer Stille? Das wollte ich wissen, von 10 Neu-Oberlausitzerinnen und -Oberlausitzern für die Serie „Warum Bautzen? Warum die Oberlausitz?“.

Foto: traumpilotin.de

Name: Luna Christine Weineck
Alter: So alt wird kein Schwein
Tätigkeit: Organisations- & Standortentwicklung, Projektentwicklung & -leitung, Marketing & PR für Kreative, Freelancer & Kleine und Mittelständische Unternehmen (KMU)
Wohnort: Berlin & ein Dorf zwischen Löbau und Ebersbach

Wann bist du in das Dorf gezogen?

Nun, streng genommen pendle ich ja aus verschiedenen Gründen zwischen Berlin und der Oberlausitz, lebe mehrere Monate hier und mehrere Monate dort. Angefangen habe ich damit im September 2015. Aber ich glaube, die Zeiten in Berlin werden zukünftig kürzer werden.

Aus welchen Gründen pendelst du in die Oberlausitz?

Mein Vater stammt hier aus dem Dorf und die Familie meiner Mutter hat sich hier niedergelassen, nachdem sie aus Böhmen vertrieben wurden. Hier haben sie sich kennen gelernt. Seit meiner Kindheit habe ich fast jedes Jahr eine wunderbare Zeit mit meiner Familie hier im alten Häuschen meiner Großmutter verbracht, später auch mit meinen eigenen Kindern.

Ich habe es in meiner Geburtsstadt Aachen immer sehr vermisst, Wurzeln zu haben, Großeltern, Tanten, Onkel, Freunde der Familie, das hatte ich nur, wenn wir in der Oberlausitz waren.
Auch, wenn ich nicht hier aufgewachsen bin: wenn ich an „Heimat“ denke, denke ich noch am ehesten an die Oberlausitz. Und seit ich vor 25 Jahren mit Ahnenforschung begonnen habe, hat sich das Gefühl noch verstärkt, weil ich heute mit fast jedem Ort hier im Umkreis – in Sachsen, Polen und Tschechien – Familiengeschichten verbinde.

Seit dem Tod meines Vaters 2010 lebt meine Mutter ganz alleine in Aachen und ist jetzt langsam in einem Alter, in dem man nicht alleine leben sollte. Ich will nicht mehr nach Aachen, sie will nicht nach Berlin, meine Kinder sind erwachsen – also habe ich ihr angeboten, dass wir gemeinsam in unser Haus in die Oberlausitz ziehen. Hier hat sie noch Freunde und unser Haus mit Garten bietet deutlich mehr Lebensqualität als ihre Mietwohnung in der Stadt.

Eigentlich habe ich, schon als meine Kinder noch klein waren, davon geträumt, mit ihnen auf´s Land zu ziehen, hab den Sprung aber nicht geschafft. Die Anonymität und die ständige Reizüberflutung einer Großstadt können auf Dauer schon stressen.

Die Gentrifizierung und Stadtentwicklung der letzten Jahre hat mir dann den Rest gegeben. Viele meiner Freunde mussten, genau wie wir, umziehen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten konnten. Und selbst dann lebt man noch mit der Angst, mit einem Damokles-Schwert, das über dem Kopf zu schweben scheint, denn auch dieses Haus könnte ja noch an einen Investor verkauft werden.

Wenn man dann, so wie ich, auch noch zusätzlich im Bereich Stadtentwicklung arbeitet, sich für eine positive Quartiersentwicklung gemeinsam mit Anwohnern und Unternehmern einsetzt, Konzepte entwickelt, KMUs und Organisationen begleitet, um sie zu stabilisieren, bist Du irgendwann nur noch frustriert. Zumindest ging es mir so. Als Anwohner oder KMU hat man schon lange keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung seines Kiezes. Da sind ganz andere – und undurchschaubare – Kräfte viel dominanter.

Wenn Leute nicht nur mit steigenden Mieten, sondern zusätzlich mit steigenden Gewerbemieten zu kämpfen haben, wenn Hausbesitzer zunehmend anonyme Investmentfonds mit Sitz im Ausland sind, denen es ausschließlich um Kapitalvermehrung geht und wenn Politik und Verwaltung gleichzeitig scheinbar ohnmächtig die Flügel heben, nützen auch die beste Beratung, das größte Engagement und der beste Plan irgendwann nichts mehr. Da rennst Du dann nur noch sinnlos gegen Wände.

Man muss auch einsehen, wann Zeit ist, aufzuhören und Kräfte nur noch sinnlos vergeudet werden. Da setze ich die lieber dort ein, wo ich noch Potential sehe, etwas Positives zu entwickeln.

Eigentlich steckt eine große Sehnsucht dahinter: Sehnsucht nach Ruhe, Frieden, netten und wertschätzenden Menschen, Heimat, einer sicheren Bleibe, Freiräumen und ausreichend Möglichkeiten, noch etwas zu gestalten und zu entwickeln.

Wo hast du vorher gewohnt?

Geboren und aufgewachsen bin ich in Aachen, einige Jahre, nachdem meine Eltern mit meinen Geschwistern die DDR verlassen hatten. Anfang ´89 bin ich dann als Studentin nach Berlin gezogen und habe seitdem überwiegend in Friedrichshain-Kreuzberg gelebt und gearbeitet.

Die Friedrichshain-Kreuzberger sind den Oberlausitzern übrigens gar nicht so unähnlich.

Was erzählte man dir, als bekannt wurde, dass du nach Ost-Sachsen ziehst?

Oje oje, die Reaktionen waren sehr unterschiedlich und sind es auch jetzt noch. Auf die Gefahr hin, dass sich jetzt wieder einige beleidigt abwenden: zuerst einmal haben mir viele dringlichst abgeraten.

Die Nicht-Oberlausitzer warnten mich vor allem vor den Gefahren, die hier von Neonazis ausgehen würden, die Oberlausitzer selbst dagegen vor katastrophalen Jobbedingungen und dem Mangel im Allgemeinen und Besonderen, unter dem man hier leiden muss.

Das alles hat mich aber eher angestachelt und ich habe mir gedacht: jetzt gerade! Wenn ich ständig zu hören bekomme, das geht nicht, das geht nicht, das geht nicht, dann fordert mich das geradezu heraus, mir meine eigene Meinung zu bilden und ggf. Lösungen zu finden, damit es eben doch geht.

Jedenfalls kurz nachdem mein Blog im September online war und ich in der Oberlausitz angekommen war, wurde ich von vielen ganz herzlich begrüßt und eingeladen. Und das hat sich bis heute so fortgesetzt. Auch, wenn manche Leute, die mich nicht kennen, auf den ersten Blick für eine Flüchtlingsfrau halten – warum auch immer.

Und von furchtbaren Mangelerscheinungen, unter denen ich leiden könnte, habe ich noch nichts mitbekommen. Na gut: keine Spätis, kein Essenslieferservice, keine Club direkt um die Ecke – aber damit kann ich echt leben.

Dafür lerne ich ständig tolle Leute kennen, die nicht nur schwätzen, sondern auch tun und für meinen Büroplatz entfällt die Gewerbemiete.

Was gefällt dir besser in der Oberlausitz als in Berlin?

Die Ruhe, die Ruhe und nochmals die Ruhe. Die schlimmste Lärmbelästigung sind die Vögel in meinem Garten. Meine Berliner Wohnung dagegen ist in der gleichen Straße wie Polizei und Feuerwehr. Da hörst Du 100-mal am Tag Lalülala.

Das Wort Wohnen erhält hier sowieso eine völlig andere Bedeutung.

Verglichen mit Berlin hat hier fast jeder geradezu verschwenderisch viel Platz zur Verfügung. Und der Garten vor der Tür ist einfach genial.

Was gefällt dir weniger gut?

Also der sogenannte öffentliche Nahverkehr ist eine völlige Katastrophe und bringt mich völlig auf die Palme. Aus meiner Sicht wird darüber viel zu wenig nachgedacht und es werden noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Dass es sich nicht lohnen soll, dass es sich nicht rentieren soll, Busse, Bahnen oder alternative Lösungen einzusetzen, ist aus meiner Sicht eine völlige Fehlplanung. Eine Investition in Mobilität würde aus meiner Sicht deutliche Anreize für Touristen und Zuzügler setzen und sich mit Sicherheit positiv auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung auswirken.

Wer hat schon Lust, ständig sich und die halbe Familie mit dem Auto durch die Gegend zu karren? Dazu kommt noch, dass, wenn Du hier auf den Straßen einem Kamikaze-Fahrer begegnest, garantiert keine Chance hast, die Nummer zu überleben.

Für alle, die noch nie in der Oberlausitz gefahren sind: es gibt viele Kurven, Berge, Bäume und teilweise öffentliche Straßen, von denen Du nie glauben würdest, dass sie mehr sind als ein kleiner Feldweg irgendeines Bauern.

Und hinter jeder Kurve kann plötzlich ein Reh, eine Oma mit ihrem Rollator, der Traktor von Bauer Wenzel oder ein mutiger gemächlicher Fahrradfahrer auftauchen. Da überschätzt der eine oder andere gerne auch mal seine Fahrkünste, wenn er meint, er muss da mit 100 Sachen und mehr entlang heizen.

Erst dachte ich, ich bin einfach nur ein Schisser, aber mittlerweile haben mir schon einige hier erzählt, dass sie es auch gerne vermeiden (würden), hier Auto zu fahren, vor allem nachts und im Winter.

Ach und ich ärgere mich regelmäßig über mich selbst: als Städter, der an Mietwohnungen gewöhnt ist, stellst Du Dich ja bei so vielem so gnadenlos blöde an. Auf dem Dorf dagegen scheinen schon die Babies mit ´nem Hammer in der Hand zur Welt zu kommen.

Aber das Gute ist: hier gibt es noch echte herzliche Nachbarschaftshilfe und die Leute sehen mir großzügig meine handwerkliche und gärtnerische Unbedarftheit nach.

Inwieweit hat sich nach deiner Ankunft der Blick auf die Oberlausitz verändert?

Jeden Tag entdecke ich zufällig etwas Neues hier: interessante Menschen, Projekte, Orte. In der Regel liegt vieles davon noch im Verborgenen und ist weitestgehend unbekannt, sogar den Leuten, die hier schon ewig leben.

Ich komme mir allmählich wie jemand vor, der eigentlich nur mal spazieren gehen wollte und dabei auf einem Kiesweg ständig über kleine Diamanten stolpert. Das ist schon ziemlich abgefahren. In Berlin findest Du dagegen oft sehr viel Wind um nichts – das völlige Gegenteil.

Aber die Hauptsache ist: Ich fühle mich sehr wohl hier und willkommen, nicht wie ein Fremdkörper, was ich vorher ein bisschen befürchtet hatte.

Bringst du dich in die Entwicklung deines Ortes ein?

Mir ist nicht nur an der Entwicklung meines Ortes gelegen, sondern mich interessiert auch noch die Region drumherum. Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, dass Menschen hierher kommen – ob als Kooperations-Partner, Touristen, als Zuzügler oder als Rückkehrer.

Da müssen noch mehr Anreize geschaffen werden, man muss mehr nach außen tragen, was es hier gibt und gezielt Brücken schlagen. Und es gibt vieles, was für Leute außerhalb der Oberlausitz interessant sein könnte.

Das merke ich durch Reaktionen auf meinen Blog, den ich dazu im vergangenen September eingerichtet habe und der mit facebook, twitter, google+ und Instagram verknüpft ist, damit er auch möglichst weit streut. Ich bin selbst manchmal erstaunt, wer so darauf aufmerksam wird und mich dann kontaktiert.

So wie ein einzelner Laden noch keine Einkaufsmeile macht, kann aber auch ein einzelnes Dörfchen kaum eine überregionale Anziehungskraft entwickeln. Da muss man Besonderheiten einzelner Orte herausarbeiten und ihre jeweiligen Potentiale entwickeln, um dann ein fein abgestimmtes Gesamtkonzept, gemeinsame Themen und gemeinsame Zielgruppen herauszuarbeiten. Das braucht Zeit. Mit meinen Berliner Projekt-Partnern bin ich gleichzeitig im Gespräch, welche Themen für sie interessant sind, um Brücken zwischen der Oberlausitz, Berlin und darüber hinaus zu schlagen.

Vieles ist ja schon da und so arbeite ich bei der Regionalentwicklung im Prinzip wie eine Patchwork-Künstlerin: ich sammle Verschiedenes, was mir gefällt, füge es zu einem Gesamtbild zusammen und finde dann ein schönes Schaufenster dafür. Falls das gewünscht ist – ich dränge mich niemandem auf. Ansonsten wird mir aber auch nicht langweilig.

Wie genau gehst du da vor?

In meinem Dorf taste ich mich erst mal vorsichtig vor, rede mit Nachbarn und Freunden und sammle noch Meinungen, Wünsche, Bedarfen, Ideen für unseren Ort. Eine eigene Idee zu Potentialen und Möglichkeiten für mein Dorf liegt schon seit einer Weile in meiner Schublade, aber das muss ja nicht unbedingt heißen, dass die auch allen gefallen würde oder andere sich auch an der Umsetzung beteiligen wollen. Das muss man erst mal klären.

Mit vielen Akteuren in der Region bin ich schon im Gespräch und entwickle mit ihnen Konzepte zu unterschiedlichen Themen und Fragestellungen. Einige davon stelle ich auch nach und nach auf meiner Webseite oder Facebook vor.

Letztenendes kann ich zwar Angebote machen, angehen kann man Regionalentwicklung aber immer nur gemeinsam und wohl überlegt. Da müssen dann alle an einem Strang ziehen.

Gut Ding will Weile haben – schauen wir mal, was sich in Zukunft so entwickeln wird. Aber ich bin sehr optimistisch.

Welche dörflichen Probleme würdest du als erstes angehen, wenn du für eine Woche Bürgermeisterin wärst?

Wir brauchen unbedingt wieder einen ungezwungenen Treffpunkt für alle Generationen, wo man ins Gespräch kommen kann.

Wirst du im Dorf zwischen Löbau und Ebersbach bleiben?

Davon gehe ich mal aus.

Warum?

Kurz und knapp: ich fühle mich einfach wohl hier.

Was verbindest du mit dem Sorbischen?

Oha, jetzt hast Du mich aber kalt erwischt. Ich bin daran gewöhnt, dass in vielen Orten Orts- und Straßenschilder deutsch-sorbisch sind, einfach weil die Bevölkerung hier schon immer deutsch-sorbisch war. Das war´s eigentlich schon.

Ich glaube, die Bevölkerung war sogar zuerst nur sorbisch, bevor vor 1000 Jahren germanische Migranten hier einfielen.

Und dann gibt es noch verschiedene sorbische Feste und Bräuche, die man erleben kann. Ein Onkel meiner Mutter war übrigens auch ein stolzer Osterreiter, aber ich weiß noch nicht einmal, ob er Sorbe war oder nicht.

Tatsächlich wird das Thema Sorben eigentlich (außer in der Politik) komischerweise gar nicht thematisiert. Da gibt es nur ab und zu mal so ein kurzes Getuschel über Probleme beim Zusammenleben, aber das war´s dann auch schon.

Heimlich hoffe ich ja schon seit einer Weile, mal Sorben zu treffen, die Lust haben, mit mir auch über das Sorbische zu reden.

Dein Ort in drei Worten?

Rittergut, Bach und Höllengrund.

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