Wenn der Weg nicht mehr das Ziel ist – Mobilitätsalternativen für die Oberlausitz?

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Mitfahrbank_Ebersdorf
Per Anhalter durch die Oberlausitz, ganz ohne Finger zeigen. Die Mitfahrbank macht es möglich. | Foto: Bürgerliste Löbau

Auf dem Schild: „Hinsetzen + Mitnehmen = Danke! / Richtung Löbau“. Und eine Bank. Mehr steht da nicht, am Spritzbetonhäuschen in Ebersdorf. Ebersdorf, ein Stadtteil von Löbau, liegt rund 15 Auto-Minuten von Hochkirch entfernt. Mit dem Bus des ZVON – dem Zweckverband Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien -, der sonntags gar nicht und in der Woche jede Stunde fährt, müssen Reisende für die Strecke nach Hochkirch 60 Minuten einplanen. Der Weg, für Alte und KFZlose ist er schon lange nicht mehr das Ziel.

Ob sich schon einmal jemand auf die „Mitfahrbank“ gesetzt hat und sich mitnehmen lies in andere Gemeinden weiß Ingo Seiler nicht. Seiler ist Fraktionsvorsitzender der Bürgerliste im Löbauer Stadtrat. Er und seine Fraktionskollegen haben die Bank ins Leben gerufen und vor den grauen Verschlag gestellt. Mehrere Gründe führten dazu, dass Seiler nun, wenn man so möchte, Banker geworden ist. „Auf Grund der schrumpfenden Einwohnerzahlen im ländlichen Raum sinken die Versorgungsmöglichkeiten in den kleineren Ortschaften. Gleichzeitig steigt die Altersstruktur auf Grund des demographischen Wandels.“ Hinzu komme die immer schlechter werdenden Anbindung der kleineren Gemeinden über den öffentlichen Personennahverkehr an die Mittel- oder Oberzentren, schildert Seiler die Situation in der oberlausitzer Peripherie. „Dies führte in unserer Wählervereinigung dazu, nach Alternativen zum ÖPNV zu suchen.“ Die „Mitfahrbank“ stellte sich in ihrer Realisierung als einfachste und schnellstmögliche Variante dar.

Die Idee, eine Bank dorthin zu stellen, wo kein Bus mehr kommt, ist nicht neu. Von Stuttgart bis Kiel, von Eisenhüttenstadt bis Essen – überall gibt es Ebersdorf, überall stehen Sitzgelegenheiten, die aus Wartenden Anhalter machen. Vielleicht das nächste Auto, vielleicht dem Ziel ein Stückchen näher.

„Die Bank ist nicht als Massenverkehrsmittel gedacht“, sagt Ursula Berrens. „Sie ist eine kleine Ergänzung, die eine Lücke schließt.“ Die Verkehrspsychologin hat die Idee mit Kolleginnen von der Caritas entwickelt, um den spärlichen Busbetrieb in der Eifel-Gemeinde zu ergänzen. Das hat geklappt. Die Bank hat sich zu einem altersübergreifenden Treffpunkt gemausert, an dem spontan Fahrgemeinschaften entstehen. Nach wenigen Minuten werden laut Berrens die Wartenden mitgenommen. Das funktioniert, weil in Speicher jeder jeden vom Sehen kennt.

Menschen fahren in eine bestimmte Richtung, haben vielleicht noch ein Platz im Vehikel frei, nehmen Menschen mit. Soweit die klassische Vorgehensweise alternativer Reisemodelle. Von „Ich fliege eh dort hin – komm doch mit“ hat man bisher eher weniger gehört. Wingly heißt eben jene Mitflugzentrale, die solche Ansätze des teilenden Ausflugs möglich macht.

Wingly bringt Piloten und Passagiere zusammen: Auf der Web-Plattform inserieren private Piloten, welche Strecken sie wann fliegen; potenzielle Passagiere können über das System einfach buchen. Neben den Routen gibt es viele Angebote für kurze und ausführlichere Rundflüge. Das Prinzip funktioniert wie bei einer klassischen Mitfahrzentrale und ist erstaunlich günstig. Wingly möchte Menschen für das Fliegen begeistern und die Welt der Luftfahrt demokratisieren. (Selbstbeschreibung Wingly)

Für Anfang Juli bietet ein Pilot die Reise „Dresden / Gundelfingen an der Donau“ an. Abflug 19:00, 2 Stunden Reisezeit, 3 von 3 freie Sitze, 110,00 € pro Passagier. Mit der Bahn ist dieser Weg ebenso für 110 Euro zu haben, allerdings sitzen die Reisenden rund fünf Stunden länger im Abteil. Mit dem Auto sind die 450 km ins Bayerische in vier Stunden zu schaffen, ohne Verkehr, wie der Routenplaner theoretisiert.

Ob Rundflug oder Oneway - über Wingly können Piloten Flugstunden mit anderen Menschen teilen
Ob Rundflug oder Oneway – über WIngly können Piloten Flugstunden mit anderen Menschen teilen | Screenshot: wingly.io

Wingly könnte überall dort funktionieren, wo es abflug- und landebare Flugplätze gibt. Und davon gibt es noch immer einige, vor allem im entmilitarisierten Osten. Bei Bautzen zum Beispiel. Auf dem ehemaligen Militärstützpunkt in Kubschütz, der für seine Flugshows und Auto-Treffen bekannt ist, könnten stündlich Maschinen von und nach Berlin, Hamburg, Stockholm oder London starten und landen – so denn eine Pilotin ihre abzufliegenden Flugstunden mit diesen Strecken zusammenbekommen möchte. Man stelle sich vor: Von Bautzen nach Berlin, in einer dreiviertel Stunde. Mit der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft und den mittlerweile verkehrenden Fernbussen ist dieser Katzensprung noch immer nicht unter drei Stunden zu schaffen.

Ob bereits Passagiere mit Wingly die Spreestadt verlassen oder angeflogen haben, konnte mir die Flugplatzgesellschaft nicht beantworten. Wenn das Angebot jedoch genutzt werden würde, dann könnte sich zumindest die Stadt Bautzen vorstellen, „ein solches Angebot auch die städtische Homepage als Werbemedium anzubieten“, teilt der Stadtsprecher André Wucht mit. Und das Landratsamt Bautzen schätzt ein, dass die Mitflugzentrale „durchaus geeignet wäre, um die Region zu beleben.“

Für beide alternativen Reiseangebote stellte sich aber noch immer die Vertrauensfrage. Sicherlich bei der Cessna mehr, als beim Škoda. Wer stürzt schon gerne über Wolfsgebiet ab. Dennoch bieten beide Modelle (privatisierte) Möglichkeiten, die Landstriche zwischen Bautzen und Görlitz am Laufen, Pardon, Fahren/Fliegen zu halten.

DünnesB

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