„Pro Tag fliegen drei Schüler“ – über die Situation in und von Schulbibliotheken

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Ein Blick in die Schulbibliothek des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums Bautzen | Foto: pmg-bautzen.de
Ein Blick in die Schulbibliothek des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums Bautzen | Foto: pmg-bautzen.de

Heute, zum Welttag des Buches, finden in Bautzen und an vielen anderen Orten jener Welt zahlreiche Veranstaltungen zum alt-ehrwürdigen Trägermedium statt. In der Budyšiner Stadtbibliothek etwa, liest der Sänger der Gruppe „Pankow“ aus seinem kürzlich veröffentlichten Roman „Alle Nähe fern“, im Bistro „Grünschnabel“ wird eine „literarische Mittagspause mit Dichteressen“ serviert und in der Kinder- und Jugendbibliothek ein Theaterstück aufgeführt.

Bücher sind es also, die die städtischen Bibliotheken medienwirksam auf den Plan rufen. Schulbibliotheken hingegen bleiben oftmals unter der Wahrnehmungsgrenze der außenstehenden Bevölkerung. Dass diese geringe Anteilnahme der schulbibliothekarischen Arbeit nicht gerecht wird, teilte mir das Sächsische Kultusministerium mit: „Schulbibliotheken vermitteln Schülern die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen.“ Die Kultusministerin des Freistaats, Brunhild Kurth, begrüßt es demnach, „wenn Schulträger entsprechende Bibliotheken einrichten oder mit öffentlichen Einrichtungen kooperieren“, heißt es in einem Statement gegenüber LaBa. Zahlen über die sachsenweite Verbreitung dieser Institutionen liegen dem Ministerium allerdings nicht vor. Auf Bautzens Schulen, das ergab eine erste oberflächliche Recherche, entfallen etwa eine Handvoll solcher, mehr oder weniger professionell geführte Bibliotheken.

Was aber macht diese Einrichtungen so wichtig für Kinder und Jugendliche? Was ist das besondere an der Tätigkeit eines Schulbibliothekars? Das alles wollte ich vom Blogger, Bibliothekar und Demokratiepädagogen Don Bib wissen, der selbst eine Schulbibliothek in Niedersachsen leitet.

Große Pause: Was ist derzeit der heiße Scheiß bei den Kids?

Angesagt ist die Schulbibliothek. Sie ist der zentrale Raum der Schule und gleichzeitig der modernste und bequemste Raum und vor allem ein Raum ohne Lehrerinnen und Lehrer. Was die Nutzung des Medienbestands angeht, verhält es sich sehr klassisch: Hörspiele (Die drei Fragezeichen z.B.), Mangas und Comics bewegen sich sehr stark. Tatsächlich aber auch die Bücher, man glaubt es kaum. Vorne weg natürlich alles was gedruckt zu Minecraft auf dem Markt ist, aber auch sonst wird mehr gelesen als es manchmal den Eindruck macht. Ach, und nebenbei gesagt, vielleicht ist der Schulbibliothekar auch ein bisschen angesagt – zumindest bei denen, die beim Ausloten der Grenzen nicht ständig dieselben überschreiten.

Jetzt interessieren mich gleich zwei Sachen: Erstens, was ist Minecraft, und Zweitens, was sind die üblichsten Grenzverletzungen in deiner Bibliothek?

Minecraft ist ein Open-World-Spiel, das heißt es gibt kein linear vorgegebenes Spielziel. Die Welt besteht überwiegend aus würfelförmigen Blöcken, die sich fast völlig frei formieren lassen. Dieses Spiel hat in gewisser Weise die gesamte Spielewelt auf den Kopf gestellt. Ich bin als Spieler völlig frei darin zu tun worauf ist gerade Lust habe. Ich kann mich mit Monstern hauen, mit NPCs (Non-Player-Charakter) verhandeln, Tiere züchten oder einfach nur einen Block auf den anderen setzen. Die Verbreitung des Spiels ist unglaublich, was einerseits ganz großartige Bauprojekte hervorgebracht hat, Schlösser, Tempel, Städte oder auch Bibliotheken – z.B. meine Schulbibliothek. Andererseits gibt es unzählige Modifikationen auf Spieleservern auf der ganzen Welt, die die vorgegebene Welt einfach um neue Spieleprinzipien erweitern haben: Kampf-Arenen, Speed-Builder, Draw my Thing und so weiter. Die Welt der Möglichkeiten kennt keine Grenzen. Selbst aus pädagogischer Sicht ist Minecraft reizvoll. Kreativität, partizipative Projekte, Projektorganisation; wenn man möchte sogar Physikunterricht in simplen Strukturen – mit Minecraft geht das alles.

Die Vorteile haben aber natürlich auch eine Schattenseite. Die Attraktivität eines solches Spiels ist wohl immer größer als die des besten Unterrichts. Insofern ist wohl eine der Grenzverletzungen in der Schulbibliothek der Versuch, zu jeder möglichen Zeit zu zocken. Das sorgt, muss man leider so deutlich sagen, zu sozialen Verwerfungen in der Pause. Wenn ich nicht daddeln kann, weil alle Plätze besetzt sind, dann darf auch sonst keiner – die Logik des Neids. Nicht schön, aber soziales Verhalten muss erfahren, erlernt und ausprobiert werden. Da kann also der Sitzhocker schon mal am Kopf des Nachbarn landen. Neben so einer sichtbaren Grenzverletzung, also dem fliegenden Sitzhocker, ist natürlich unsoziales Verhalten bei mir ein No-Go. Wer als älterer Schüler oder Schülerin, oder allgemein als überlegene Person Schwächere mit Worten oder körperlich angreift, findet kein Platz in der Bibliothek. Da wird schon mal ganz unpädagogisch das Verhalten eines unsozial agierenden Schülers gespiegelt – dreist kann ich nämlich auch. Ich schätze also mal pro Tag fliegen im Schnitt 1 bis 3 Schülis aus der Bibliothek. Aber es läuft. Die Schulbibliothek ist neu, wir gewöhnen uns noch aneinander. Schulbibliothek, also Bücher und anderes Zeugs hin oder her, mindestens 50 Prozent meiner Arbeit ist soziale Arbeit.

… mit dem gefühlten Bild von Bibliothekaren, die dienstlich viele Bücher lesen, sich Dutts in die Haare drehen und Katzen kraulen, hat das alles nur sehr wenig zu tun.

Die verstecken sich ganz bestimmt auch noch irgendwo. Aber eigentlich schwimmt der Berufsstand ein bisschen zwischen den Resten des Althergebrachten, Informationsmanagement und sozialer Arbeit.

„Schulbibliotheken vermitteln Schülern die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen“, sagte eingangs das Kultusministerium. Übersetzt hieße das in etwa, dass durch die Anwesenheit von Schulbibliotheken Kompetenzen gefördert werden, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen sollen, über jede Altersdekade hinweg wissbegierige Menschen zu bleiben. Bist du da, wie man so schön sagt, ganz bei der Ministerin?

Na ja, sagen wir es ganz diplomatisch: das ist natürlich so eine politische Floskel. Die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen ist ja grundsätzlich ein Teil von uns, der nicht einfach weggeht. Wir lernen jeden Tag mit neuen Situationen umgehen zu müssen. Was wir sehr viel eher versuchen ist zu zeigen, dass lernen und lesen nichts Negatives ist. Um in einem Computerspiel besser zu werden, muss ich lernen. Im Zweifel muss ich sogar lernen im richtigen Forum das richtige Wissen zu finden, das mir hilft, beim Spiel besser zu werden. Lesefähigkeit, Lesespaß und allgemein die Freude am Sammeln neuer Erfahrungen, also neuen Wissens, mit allen Mitteln fördern und dazu einen angenehmen sozialen Rahmen innerhalb der Schule schaffen, das würde ich als Aufgabe von Schulbibliothek bezeichnen.

Der bekannte Psychater und Autor Manfred Spitzer („Digitale Demenz“) meinte einmal über die Computerspielerlebnisse von Kindern: „Sie lernen da im günstigsten Fall Unnützes, im schlimmsten Fall für die Gesellschaft und für sich Gefährliches.“ Gibt es in deiner Bibliothek auch Blechspielzeug?

Wurfgeschosse aus Blech?

… nur die Sicht des Spitzers überspitzt dargestellt: Früher wurde anscheinend mit besseren Dingen gespielt, oder geworfen, je nachdem.

Das Problem an Spitzers Thesen ist, dass er sie außerhalb des Raumes stehend trifft über den er spricht. Er kennt weder das hochkommunikative und partizipative Element von Spielen, noch weiß er um die Wahrnehmung der Medien durch Kinder und Jugendliche. Er überträgt sein Unwissen über die Nutzungsmöglichkeiten dieser Medien auf die Kinder und Jugendlichen. So funktioniert das leider nicht. Man muss wie bei allen Dingen die richtige Dosis finden und den Nachwuchs begleiten. Der Mehrwert in sozialem Sinne ist schon enorm und die Nebeneffekte durch die beim Spielen gewonnen Fähigkeiten ist ebenfalls von unschätzbarem Wert. Nehmen wir also lieber die positiven Dinge mit und überlassen das Jammern den alten, die Entwicklung verweigernden Männern.

Das hört sich alles sehr nach einer fundiert mediendidaktischen / medienpädagogischen Herangehensweise an. Woher kommt dieses Verständnis von Medienwirkung beziehungsweise Medienaneignung durch Kinder und Jugendliche?

Neben dem Dasein als Bibliothekar bin ich auch Demokratiepädagoge. Mit dem entsprechenden Studium bekommt man ein Auge für partizipative Prozesse mit Kindern und Jugendlichen und lernt, dass ein Interesse an Alltäglichkeiten der Schülerinnen und Schüler, ihrer Musik, den Computerspielen und vielen anderen Dingen da sein muss. Ich muss nun mal wissen, wer gerade beliebt ist und irgendwie ein bisschen mitleben in diesem Umfeld. Es geht sicher auch ohne, aber so ist der Zugang viel größer und die Ansatzpunkte für meine Arbeit sind sehr viel näher am Nachwuchs dran.

Und zum Schluss: Was ist der größte Unterschied zwischen einer Stadtbibliothek und einer Schulbibliothek? Jetzt einmal abgesehen von den unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten.

Eigentlich wollte ich gerade riesige Unterschiede ausmachen. Wenn ich genau überlege sehe ich gar keinen. So wie eine Stadtbibliothek im Idealfall das Zentrum einer lokalen Gemeinschaft ist, ist die Schulbibliothek das Zentrum einer Schule beziehungsweise sollte sie das sein. Dort kommen alle Schülerinnen und Schüler aller Klassen zusammen und lernen mit ihren verschiedenen Bedürfnissen und Charakteren klar zu kommen. Wir begleiten das mit dem Angebot die Welt der Medien gezielter zu erfahren, um mögliche Gefahren z.B. nationalistischen, faschistischen oder ganz allgemein menschenverachtenden Umtrieben mit Selbstbewusstsein und Wissen entgegentreten zu können. All das sollte eine Stadtbibliothek auch machen, nur mit dem Unterschied, dass ihre Zielgruppe die gesamte Stadt oder Kommune ist, was die Aufgabe ungleich schwieriger macht.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Spaß und Erfolg in der Schulbibliothek, die wir uns jetzt noch in einem kleinen Video von Dir ansehen.

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