„Freunde gefunden“ – über einen kurzen Aufenthalt in Bautzen

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Ein Blick durch die Kamera eines Zugezogenen | Foto: Hudson (CC BY-NC-SA 2.0)
Ein Blick durch die Kamera eines Zugezogenen | Foto: Hudson (CC BY-NC-SA 2.0)

Entgegen dem Strom der Abwandernden wollte es sich ein Kind der Großstadt in der beschaulichen Oberlausitz gemütlich machen. Daraus wurde nichts. Hudson zog es vor über einem halben Jahr von Leipzig nach Bautzen. Nun setzt er seine Reise fort und wohnt zukünftig in Berlin, wie so viele Ex-Bautzener. Warum er seine Segel neu ausrichtete, was war und was bleibt von der kurzen Zeit in Bautzen, das wollte ich vom bekannten Laba-Radio-DJ wissen.

LaBa: Vor sieben Monaten bist du von Leipzig nach Bautzen gezogen. Für einige Menschen, die du in Bautzen getroffen hast, war dieser Schritt nicht nachvollziehbar. Haben dich diese einheimischen Reaktionen überrascht?

Hudson: Nein, ich hatte schon damit gerechnet etwas schief angeschaut zu werden, wenn man erwähnt wo man her ist und das man jetzt halt in der Lausitz leben möchte. Aber der überwiegende Teil war doch schon sehr perplex ob der Tatsache, das stimmt.

Aber es scheint ja beinahe so, als ob die perplexen Bautzener recht behalten hätten mit ihrer Annahme, du, als Großstädter, würdest nicht in einer kleinen Kommune wie Bautzen zurechtkommen: Nach gerade mal einem halben Jahr im Herzen der Oberlausitz hat es dich vom kleinen B ins große B an der Spree verschlagen. Woran lag es?

„Nicht zurechtkommen“ ist da vielleicht etwas missverständlich. Viel eher waren es Gründe wie zum Beispiel das Kulturangebot. Das sollte schon eben aus mehr bestehen, als Mittwochskino im Steinhaus, oder ein paar Vorstellungen des Deutsch-Sorbische-Volkstheaters, die aber, das muss man sagen, außerordentlich gut sind. Trotzdem ist es für meine Frau und mich diesbezüglich doch etwas dünn gewesen in der kleinen Spreestadt, so dass wir relativ schnell merkten, dass wir doch ein wenig mehr zum Leben/Wohlfühlen brauchen. Der zweite Punkt war auch die Arbeitssituation. Mein Job hatte sich im Vorfeld auf mehreren Ebenen doch vielversprechender angehört, als er schlussendlich war.

Bleiben wir doch gleich mal bei den positiven Eindrücken. Was hat dir – außer dem Theater und Steinhaus – denn noch so gefallen in Bautzen? Oder anderes gefragt: Was wirst du in Berlin vermissen?

Ich hab vor Ort sehr gute Freundschaften in der kurzen Zeit geschlossen, die mir definitiv fehlen werden. Darüber hinaus hat diese Stadt Menschen, die ich wegen ihres Engagements für Menschlichkeit sehr schätze und deren Mut ich bewundere. Und als Vertreter des Skateboards fand ich es Klasse, dass es eine kleine aber feine Skatercommunity gab.

In die Zeit deiner Anwesenheit fiel auch der Brand des Husarenhofs, der nicht nur einen Großteil der Bautzener Bürger, sondern nahezu ganz Deutschland beschäftigte. Nun habe ich das Glück jemanden nach seiner Wahrnehmung des Geschehens zu fragen, der nicht Ur-Bautzener ist, dennoch als Bürger unmittelbar mit den Geschehnissen konfrontiert wurde. Was waren deine Eindrücke vom, du hast es angesprochen, menschlichen beziehungsweise unmenschlichen Bautzen in der Zeit vor und nach dem Brandanschlag?

Die Eindrücke waren doch sehr verstörend oder beunruhigend, aber leider auch ein Paradebeispiel für Deutschland im Allgemeinen und sächsische Kleinstädte im Besonderen. Als es um die Entstehung des Flüchtlingsheimes im Husarenhof ging, merkte man auf einmal wie wach die bisher doch verschlafene Nachbarschaft wurde. Wenn kaum nach Bekanntgabe über die Pläne des Husarenhofes auf einmal Antiasyl-Unterschriftenlisten bei Bäckereien ausliegen, Nazipamphlete von Die Rechte bis AFD in Briefkästen landen und die örtlichen Scheitelhaufenträger online mobilisieren, fällt die bürgerliche Maske sehr schnell. Da ich aus Leipzig stamme, war ich auch über den geringen Zuspruch bei den Bürgern überrascht wenn es gegen rechte Umtriebe in der Stadt geht. So wenig Gegenwind war ich nicht gewohnt. Ich erinnere mich noch gut an die peinliche Veranstaltung im Theater, als die überwiegende Mehrheit sich gegen die Unterbringung im Husarenhof aussprach. Eine vernunftorientierte Diskussion war leider nicht möglich.


Nach dem Brand war das Thema in einigen Kreisen doch schnell abgetan. Auf Arbeit fielen kaum Worte darüber, außer Mutmaßungen, wie zum Beispiel, dass es ein Versicherungsbetrug war und dergleichen. Es wurde viel totgeschwiegen. Andererseits merkt man mittlerweile zumindest bei den jüngeren Bewohnern Bautzens ein Erstarken sich vielfältig und mutig gegen die vermeintlich bürgerlich abgesegnete Rechtsorientierung zu wehren. Ich schätze, oder hoffe, der Brand war für einige in Bautzen ein Fanal sich mehr mit der eigenen Stadt und den eigenen Leben und der Zukunft auseinander zusetzen. Das ganze natürlich unter einem offenen und herzlichen Menschenbild.

Nach deinem Abschied aus der Stadt: wird Budyšin für dich weiterhin interessant bleiben? Oder konzentrierst du dich jetzt ausschließlich auf das Leben in der Bundeshauptstadt?

Interessant bleiben die Menschen dort vor Ort, die ich kennenlernen durfte und von denen ich heute sagen kann, dass es Freunde sind. Die Stadt an sich bleibt wohl eher nicht so spannend.

Reisende soll man nicht aufhalten. Ich wünsche Dir für deine Zeit in Berlin alles Gute und schön, dass Du da warst.

Danke und vielleicht sieht man sich mal.

Ganz bestimmt.

 

7 Gedanken zu „„Freunde gefunden“ – über einen kurzen Aufenthalt in Bautzen

  1. # Hudson Als es um die Entstehung des Flüchtlingsheimes im Husarenhof ging, merkte man auf einmal wie wach die bisher doch verschlafene Nachbarschaft wurde.

    Vielleicht hast Du selbst geschlafen. Kannst Du Dich tatsächlich vorstellen, der Einwohner kündigt seien Nachbarn als Gewerbetreibenden und glaubt daran wie schön es sein könnte.

    # Hudson: Viel eher waren es Gründe wie zum Beispiel das Kulturangebot. Wer alles an jedem Ort nach Möglichkeit auch noch kostenlos erwartet, wird wohl tatsächlich am falschen Ort sein.

    Hudson träumte von der Integration hunderter neuer Mitbürger in Bautzen, von gut bezahlten Jobs und ein großes kulturelles Angebot in Bautzen und erlebte die Realität. Da fehlt einfach das Geld. Nun verlässt er uns, eigentlich müsste er die Ärmel hochkrempeln, wenn er seinen Traum von einer besseren Welt verwirklichen will.

    #Hudson Ich erinnere mich noch gut an die peinliche Veranstaltung im Theater, als die überwiegende Mehrheit sich gegen die Unterbringung im Husarenhof aussprach. Die meisten wissen halt, wenn es nicht bloß um reden geht, sondern um wirkliche Integration kann er sich nicht auf Hudson verlassen, der braucht vermutlich keinen einheimischen Gewerbetreibenden, weil Ausbeuter, aber mehr kulturelle Möglichkeiten und einen besseren Job, die es in Bautzen kaum gibt.

    Hallo Herr Veselin, vermutlich wird mein Beitrag nicht in Ihrem Blog passen. Auf der einen Seite kann man gut von peinlichen Veranstaltungen reden, auf der anderen Seite redet man aber von dünnen kulturellen Angeboten, Job und Bautzen verlassen.

    Es wäre mal eine interessante Diskussion, welche Vorstellung man hat, außer den eigenen Gewerbetreibenden kündigen um Platz zu schaffen, volle Integration hunderter neuer Asylbewerber jedes Jahr, gutes kulturelles Angebot, gut bezahlte Jobs und so weiter. Ich wohne in Bautzen kann mich das nicht vorstellen, das es möglich ist. Ich müsste aber damit leben, das besonders junge Menschen sich das Vorstellen können, mich eventuell als Rassisten und AfDisten beschimpfen, aber letztendlich auch die Region verlassen und ich dann, die Probleme lösen müßte.

  2. Bautzen du bis peinlich. #husareneier

    Ich denke wer solche Meinungen vertritt und dann die Gegend verlässt, weil das kulturelle Angebot nicht stimmt oder Probleme mit der Arbeit hat, wird es überall nicht leicht haben. Das zusammenleben besteht aus Kompromissen und viel Ausdauer, wenn man etwas ändern will. Bautzen bist Du peinlich wird da wenig hilfreich sein.

    In der Regel wünscht man dann den anderen viel Erfolg und alles Gute im weiteren Leben und gibt als Chef in seiner Firma danach einen aus und fragt ob man auch noch beim Umzug behilflich sein könnte. Ich bin gespannt wie es in Berlin für Hudson läuft, wenn er dann wieder meint Berlin bist Du peinlich und seine Zeit beim Twittern verbringt und sich über die peinlichen Einwohner auslässt, die nicht das gleiche wollen wie er.

    Hoffentlich hat seine Frau nicht die gleiche Meinung und viel Kraft, dann könnte es noch was mit Hudson in Berlin werden.

  3. @ Simon

    Du vermischst ziemlich viele Sachen miteinander. Dass Mietverträge gekündigt werden, ist ein ganz normaler Vorgang. Dahinter stehen kaufmännische Entscheidungen, die der Eigentümer trifft, weil er wirtschaftlich zu denken hat. Er will/ muss/ möchte Geld verdienen!

    Die Kommune ist in diesem Fall der Mieter. Das hat nichts, aber auch rein gar nichts damit zu tun, die Einwohner zu vertreiben! Und seit wann kündigen Einwohner ihre Nachbarn?

    Wenn ich dich recht verstehe, hast du eine ablehnende Haltung ggü. Asylbewerbern, verlangst aber von Hudson, er solle die Ärmel hochkrempeln und sich um die Integration kümmern. Sehe ich das richtig?

    Was ist eigentlich so schwierig daran, Fremde vorübergehend unterzubringen? Da werden im Vorfeld schon düsterste Szenarien gemalt, obwohl noch kein einziger der vorgesehenen Asylbewerber auch nur einen Fuss in die Stadt gesetzt hat. Warum diese Angst?

  4. #Robert
    Wer Schutz braucht soll auch Schutz bekommen. Punkt und keine weiteren Diskussionen. Große Weltpolitik.
    #Robert
    Was ist eigentlich so schwierig daran, Fremde vorübergehend unterzubringen? Solche Fragen zu stellen ist das eine, ich bezeichne die mal als Totschlagargumente.
    Ich vermisse aber die Antworten. Ich lese nur im Blog über Hudson, kulturelle Angebote etwas dünn gewesen und Arbeitssituation. Auch alles bekannt.
    Deshalb Ärmel hochkrempeln und nicht wegziehen. Erst Sprücheklopfen, wie Bautzen bist du peinlich und dann abhauen?

    Hast du weitere Fragen Robert?

  5. @ Simon

    Natürlich habe ich die!

    Woher hat der gemeine Einwohner eigentlich die Informationen, wer Schutz braucht und wer nicht? Vor allem schon im Vorfeld der Belegung von Unterkünften. Ich frage deshalb, weil ich auch gern die Gabe hätte, etwas beurteilen zu können, ohne mich damit auseinander setzen zu müssen.

    Was ist mit großer Weltpolitik gemeint?

    Antworten vermisse ich ebenfalls, z.B. was daran so schwierig sein soll, Fremde vorübergehend unterzubringen. Ich frage auch wegen den besorgten Bürgern in Burk, die jetzt seit einiger Zeit mit den Flüchtlingen im Spreehotel leben und anscheinend immer noch nicht ermordet oder vergewaltigt wurden.

    Ich frage auch für die ganzen Arbeitnehmer in der Stadt, die jetzt eigentlich arbeitslos sein sollten ob des Ansturms an Flüchtlingen.

    Und natürlich frage ich auch für die vielen Christen, die jeden Sonntag brav in die Kirche gehen und nun Angst vor der Islamisierung haben müssen. Vorausgesetzt sie sind mittlerweile nicht schon zwangsislamisiert worden.

    Ich für mich stelle mir halt die Frage, was aus all den Ängsten geworden ist, mit denen immer gearbeitet wurde, um dagegen zu argumentieren. Weil ich mir diese Frage aber nicht beantworten kann, lieber Simon, frage ich halt dich!

  6. Simon Altbrüder

    #Robert
    Woher hat der gemeine Einwohner eigentlich die Informationen, wer Schutz braucht und wer nicht?

    Habe ich das behauptet, das ich das kann? Wenn, das auf den Weg durch das Kriegsland Europa nach Deutschland noch keiner festgestellt hat, wird es bei uns wohl auch erst mal schwierig werden. In vielen Länder war das auch ein Grund ihre eigenen Grenzen zu schließen.

    #Robert
    Was ist mit großer Weltpolitik gemeint?

    Wenn Sie unbedingt wollen. Ich werfe mal einen Rohstoff in den Ring Erdöl.

    #Robert
    was daran so schwierig sein soll, Fremde vorübergehend unterzubringen.

    Damit habe ich keine Schwierigkeiten, sondern nur wenn Sie meinen bedingungslos jeden, der es bis an unsere Grenze geschafft hat. Da sehe ich eine Überforderung mit Hilfsmöglichkeiten, wenn das Ziel die Integration sein soll. Sie meinten zwar vorübergehend, ich weiß es aber nicht.

    #Robert
    Ich frage auch für die ganzen Arbeitnehmer in der Stadt, die jetzt eigentlich arbeitslos sein sollten ob des Ansturms an Flüchtlingen.

    Habe ich nicht behauptet. Bisher arbeiten nur wenig Flüchtlinge auf den deutschen Arbeitsmarkt so viel ich weiß. Nur sitzen in Flüchtlingsheimen und warten auf die Dinge die da kommen sollen wird wahrscheinlich auch nicht funktionieren.

    #Robert
    Und natürlich frage ich auch für die vielen Christen, die jeden Sonntag brav in die Kirche.

    Ich bin kein Christ, von der Theorie wird es aber vermutlich eine Verschiebung der Prozentzahlen in Richtung anderer Religionen geben.

    #Robert
    Ich für mich stelle mir halt die Frage, was aus all den Ängsten geworden ist, mit denen immer gearbeitet wurde,

    da Du mich fragst, ich habe keine Angst vor einem Syrer oder echten schutzbedürftigen Asylbewerber, sondern vor dem Slogen: Bautzen bleibt Bunt jetzt erst recht. Ich habe mehr den inneren Frieden in unserer kleinen Stadt gesehen. Die Teilung in gut und böse, in Nazi und Gutmensch, durch den Spruch Bautzen bleibt bunt jetzt erst recht. Was passiert, wenn nicht alle ein alternativloses Bautzen bleibt bunt haben wollen? Ich denke, der Husarenhof, neue Grenzzäune in Europa und das Erstarken zum Beispiel der AFD gibt mir recht. Ich möchte nicht in einer Stadt leben, wo die eine Hälfte brüllt Maier muss weg und die andere meint Müller muss weg. Pegida und AfD siehst du Wahrscheinlich als Problem, ich nicht. Ich hätte eine andere Wahl als Bautzen bleibt bunt.

    Mein Problem sind mehr die jungen Roberts zusammen mit den jungen Alfons und Bautzen bleibt bunt, jetzt erst recht. Ältere waren in der Geschichte meistens besonnener oder haben jüngere Missbraucht für ihre Zwecke.

    #Robert
    Dass Mietverträge gekündigt werden, ist ein ganz normaler Vorgang.

    Wenn ich Sie richtig verstehe würden Sie, falls noch mehr Asyl beantragen, alle angebotenen Mietverträge zum Beispiel im Kornmarktcenter oder Mietwohnungen nach einer Endmietung nutzen, um alternativlos Platz für Asylbewerber zu schaffen. Das halte ich für nicht akzeptabel.

    #Robert
    Die Kommune ist in diesem Fall der Mieter.
    Die Einwohner werden nicht vertrieben, sondern die bisherigen Gewerbetreibenden, also Endmietung, wenn ich den kündige. Da haben sie mich wohl falsch verstanden.

    #Robert
    Wenn ich dich recht verstehe, hast du eine ablehnende Haltung
    Kurz zusammengefasst: ich wäre ein Anhänger von Kohl der meinte, wir können nicht die ganzen Probleme der Welt in Deutschland lösen, sondern nur vor Ort. Helfen könnte man trotzdem aus meiner Sicht sogar viel mehr. Uno entmilitarisierte Zone, Uno Flüchtlingswerk, Griechenland helfen. Ich denke auch in diese Richtung gibt es viele Möglichkeiten. Ob man mich dann auch als, Bautzen du bis peinlich. #husareneier bezeichnet hätte?

    Da ich denke das Hudson mich meinte mit „Bautzen du bis peinlich. #husareneier“, gab ich den Ratschlag das er nicht die Augen vor der Realität verschließen kann, die ist eben dünne kulturelle Angebote, niedriger Lohn. Deshalb mein Ratschlag, das er die Ärmel hochkrempeln müsste, wenn er mich mit Husareneier bezeichnet. Dann wäre er in meinen Augen glaubhaft und nicht ein weiterer Sprücheklopfer. Ich will den Hudson nicht ärgern, aber mit coolen Sprüchen wird kein Asylbewerber satt.

    Bautzen du bist peinlich. #husareneier“ Cooler Spruch, aber welche anderen Ideen?

    # Falls Sie weitere Fragen haben Robert oder vielleicht Hudson, ich bin bereit.

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