Produkt-Phantasien für eine Lausitz „nach der Kohle“

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Blog-Archiv

Die Lausitz, seine Menschen und die Kohle – ein Thema, das dieses Blog bereits seit einigen Jahren beschäftigt. Mit dem nahenden Ausstieg Vattenfalls aus der Braunkohlegewinnung werden fernab der fördernden Nachfolger Ideen diskutiert, die auf den Grundfesten der Lausitzer Kulturgeschichte fußen: von der Korbmacherei bis zum leicht geneigten Leinöl-Teller.

Ein Gastbeitrag von Robert Lorenz

Slowlin | Entwurf und Bildrechte: Julia Nissen
Slowlin | Entwurf und Bildrechte: Julia Nissen

Am 26.3.2015 ließ sich der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus, Wolfgang Krüger, in einem Beitrag des Berliner Tagesspiegel mit kritischen Worten zitieren, die an die jetzige aber auch die vorhergehende Brandenburgische Landesregierung adressiert waren. Viele Menschen in der Lausitz, so Krüger, könnten sich nach wie vor ein Leben ohne die Braunkohle gar nicht vorstellen und hätten Angst vor der Frage, was danach kommt. „Der Diskurs über die Zukunft der Lausitz ohne Braunkohle ist von der Landesregierung nie richtig eröffnet worden.“

Geht die Kohle, geht die Lausitz – im Rahmen der Diskussionen um die Strukturpläne von Bundeswirtschaftsminister Gabriel für den deutschen Energiemarkt war dieser altbekannte Kassandraruf im Frühjahr und Sommer 2015 wieder oft zu vernehmen, vom demonstrierenden Bergmann über dessen Cottbuser Gewerkschaftschefin bis hin zu den beiden aus der Lausitz stammenden Ministerpräsidenten Brandenburgs und Sachsens. „Wir haben keinen Plan B“, so hieß es bereits in einer Fernsehdiskussion im Sommer 2014 von einer Vertreterin des Cottbuser Vereins Pro Lausitzer Braunkohle e.V. Inzwischen ist auf der politischen Ebene hier und da auch ein Zwischenton zu vernehmen, der auf ein allmähliches Umjustieren hinzudeuten scheint. Aber noch kreist der Berg sehr nebelverhüllt.

Bereits 2014 machte sich eine Gruppe von Studierenden der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Rahmen ihrer Design-Ausbildung schon einmal auf die Suche nach so einem Plan B. Im Greenlab, dem Labor für nachhaltige Designstrategien der Hochschule, entwickelten sie in Zusammenarbeit mit Lausitzer Firmen, Institutionen und Handwerksbetrieben zwischen Spreewald und Oberlausitzer Bergland Produktideen für die Zeit nach der Kohle. Im Frühjahr 2015 haben sie ihre Ergebnisse in einem Projektband unter dem Titel „GreenDesign 3.0 – postcarbon. Design für eine zukunftsfähige Lausitz“ publiziert. Der kostenfrei über die Hochschule beziehbaren Broschüre gelingt ein interessanter Spagat: Einerseits werden beim Lesen und Betrachten der 17 studentischen Projekte immer wieder positive Emotionen und auch Konsumierlust erzeugt. Andererseits benennt das Heft die Lausitzer Strukturprobleme schonungslos mit der großen Offenheit einer Perspektive von außen. Es ist damit fern davon, nur ein buntes Marketingvehikel zu sein. Vielmehr versteht es sich als Versuch der Perspektivverschiebung und als ein Ort der fragenden Neuerkundung der Lausitzer Verhältnisse.

Und so liest man auf den ersten Seiten unter anderem folgende Zustandsbeschreibung des Regionalentwicklers Martin Kuder:

Heftig war auch, wenn man junge Menschen auf die Lausitz ansprach. Alles blöd, ringsum nur Löcher in der Landschaft, nichts los, nur weg hier. Das war ihr Bild. Die Landschaft, die ihren Reiz hat, die sorbische Kultur, die reich ist – das haben sie nicht wahrgenommen. Auch nicht die lokalen Firmen. Wenn wir Schüler gefragt haben, sagten uns 90 Prozent sie wollten weg. Auf die Frage ‚Warum‘ sagten 60 Prozent, hier gäbe es keine Arbeit. Wenn man fragte, welche Firmen sie kennen, dann nannten sie vielleicht ein, zwei Betriebe vor Ort. An den Gymnasien kannte kaum jemand die erfolgreichen lokalen Firmen, deren Produkte international nachgefragt werden. Diese positiven Aspekte der Lausitz werden nicht kommuniziert.

Diesem Fazit stellen sich die teils internationalen Studierenden mit ihren Beobachtungen und Eindrücken zur Seite. So heißt es an einer Stelle lakonisch: „Die industrielle Entwicklung hat die Region einmal umgepflügt, und nun muss man sehen, wo man – wieder – anfängt.“ Und eine andere Arbeitsgruppe konstatiert: „Die Region Lausitz ist reich an Ressourcen, die kaum wahrgenommen und geschätzt werden.“ Dabei bot sich den Nachwuchsdesignern beim genaueren Hinsehen eine erstaunliche Fülle an lokalen Produkttraditionen industrieller wie handwerklicher Natur, die teils tief in der Lausitzer Kulturgeschichte wurzeln, denen aber aus Sicht der Außenstehenden mitunter eine Note des Besonderen fehlte, die sie jenseits ihres lokal begrenzten Verbreitungsgebietes unverwechselbar genug machen würde. Was wünscht sich der Designer mehr?

Kircherbier wendisch/serbske
Kircherbier wendisch/serbske | Entwurf und Bildrechte: Lisa Böhm, Fabian Grimm, Sandra Stark

Die 17 Projekte sind im Ergebnis Entdeckungsreisen für Einheimische wie temporär Zugereiste geworden. „Wir gehen zurück zu unseren Wurzeln!“ heißt es im Buch. Und an diesen Wurzeln stößt man u.a. auf die Lausitzer Textil- und Töpfertradition, auf Korbmacherei, Tonbergbau und eine facettenreiche bäuerliche Nahrungsproduktion und -veredlung. Durch den unbefangenen Blick von außen entstehen auf dieser Basis einige Prototypen für überraschende und schöne Dinge, denen der Rezensent die Lausitzer Serienproduktion wünschen würde: Picknickdecken, Sandalen und Hocker aus Naturfasern, transparente Räucheröfen, Brottöpfe aus Ton und Bast. Ein Tisch für Fahrradtouren, den man im Rahmen zusammenfalten und befestigen kann. Oder der speziell für Kartoffeln, Leinöl und Quark konzipierte, in sich leicht geneigte Teller von Julia Nissen, in dem das langsam von oben nach unten fließende Leinöl dem klassischen regionalen Gericht eine neue ästhetische Facette verleiht. Andere Arbeiten widmen sich auf einer abstrakteren Ebene materialästhetischen Fragen und erkunden dabei das Lausitzer Leinen, die Lausitzer Tonerde und sogar die Braunkohle jenseits ihres Heizwertes. Sorbische Kultureinflüsse und die Beschäftigung mit ihnen sind dabei immer wieder ein Element der Projekte – am deutlichsten in den konsequent zweisprachigen Etikettentwürfen für die Drebkauer Brauerei Kircher, die gestalterisch deutlich auf die aktuelle Markensprache im großstädtischen Getränkesektor Bezug nimmt und damit geschickt auf einen für die Firma bisher nicht zugänglichen Markt zielt. Man mag nun einwenden, dass Sorbisch damit wieder einmal nur zum exotischen Marketingvehikel würde. Aber es ist auch eine andere Lesart möglich, in der die Sprache zu einem identitätsstiftenden, selbstbewussten Zeichen überall dort wird, wo es Bier von Kirchers zu kaufen gibt. Warum nicht auch im Spätverkauf in Cottbus, Berlin oder Leipzig?

Und was ist nun der Plan B? Die indirekte Antwort der Broschüre ist: er ist längst da und wir leben in ihm. Der Plan B ist die Lausitz. Das Buch maßt sich nicht an, mit seinen kleinen studentischen Projektideen handstreichartig die massiven strukturellen Herausforderungen der Region zu lösen. Aber es zeigt auf charmante und Mut machende Art und Weise, dass diese Landschaft mehr Ressourcen und Potenziale zu bieten haben könnte, als in ihr Braunkohletagebaue und Kraftwerke zur Stromerzeugung zu betreiben. Dieser derzeitige Plan A mag vielen noch immer als „die sichere Bank“ erscheinen. Ist aber der Tagebau erst einmal da, verhindert er schon rein physisch – und folgt man den Ausführungen Martin Kuders wohl auch psychisch – auf Generationen jeden Plan B und macht damit ein weiteres Stück Lausitz für einen langen Zeitraum: alternativlos. „GreenDesign 3.0 – postcarbon. Design für eine zukunftsfähige Lausitz“ zeigt einen kleinen Ausschnitt all dieser möglichen Alternativen. Es macht neugierig auf mehr und weckt die Phantasie. Damit ist es eines der positivsten Bücher, die zu unserer Region derzeit zu lesen und zu betrachten sind. Ihm ist in der Lausitz daher eine große Verbreitung und vielseitige Beachtung zu wünschen.

Und sollte jemand Julia Nissens Teller in Serie nehmen: Ich kaufe vier Stück!