Sorbe – wie wird man das eigentlich?

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Wer in Bautzen groß wird, wer in Bautzen lebt, wer in Bautzen liebt, wer in Bautzen seine Urlaubstage verbringt, wer in Bautzen mit schicken Socken durch den Gesundbrunnen läuft, muss sich unweigerlich mit einem kleinen Teil der sorbischen Kultur auseinandersetzen: Straßennamen, Ortsbezeichnungen und Erklärtexte an Sehenswürdigkeiten. Das alles steht in nahezu gleichberechtigter Art und Weise neben der deutschen Fassung in obersorbischer Sprache auf Schildern geschrieben. Für viele Angehörige der slawischen Minderheit gilt Budyšin als das kulturelle Zentrum ihres Sorbentums. Wesentliche Einrichtungen wie der Dachverband Domowina, oder das Deutsch-Sorbische Volkstheater, das Sorbische National-Ensemble, der Domowina-Verlag, das Sorbisches Museum, Sorbische Schulen oder das Sorbisches Institut sind in der Spreestadt angesiedelt.

Und trotz dieser umfänglich sozio-politischen Leistungsschau, sehen sich deutsche Bautzener von der sorbischen Kultur in etwa so weit weg, wie von der Türkischen. Über die vermeintlichen Gründe diese Befremdung habe ich in der Vergangenheit hin und wieder etwas geschrieben.

Sorbisches KulturlexikonDie Sorben verweilen seit mittlerweile über 1000 Jahren in der Oberlausitz – wie sie einmal dahin kamen, hat Julijan Nyča versucht nachzuzeichnen -, und seit genau einem Jahr gibt es das Sorbisches Kulturlexikon. Herausgegeben von Franc Šěn und Dietrich Scholze-Šołta beschäftigt sich das knapp 600 Seiten starke Werk mit so ziemlich jeder Facette des sorbischen Lebens in (Ost-)Deutschland. Sagen, Feste, Trachten, Essen, Politik, Brauchtum, Musikinstrumente – das alles wird den Lesenden in dem mit unzähligen Abbildungen durchzogenen Nachschlagewerk anschaulich nähergebracht. Für deutschsprachige Bürger sollten sich durch die Konsultation des Sorbisches Kulturlexikons so ziemlich alle Fragen zum sorbischen Leben beantworten lassen.

Fast alle. In einer wesentlichen Angelegenheit wusste die Enzyklopädie keine befriedigende Auskunft.

Ich wurde schon oft von Nicht-Bautzenern gefragt, wie man eigentlich Sorbe wird. „Na ja, ähm, da gibt’s sorbische Dörfer. Wenn man dort geboren …, puh, keine Ahnung.“ Rein formalrechtlich sind nahezu alle Sorben deutsche Staatsbürger. Aber dennoch Sorben. Die Frage, wie Mann oder Frau nun zu Angehörigen jener Minderheit wird – die etwa 50.000 Menschen umfasst – konnte mir auch das Lexikon nicht beantworten.

Grund genug also, einen der Kulturlexikon-Herausgeber und gleichzeitigen Direktor des Sorbischen Instituts, Prof. Dr. Dietrich Scholze-Šołta, um die Beantwortung der Frage zu bitten:

Herr Scholze, wie wird man denn nun ein Sorbe? Wird man dies durch Geburt, durch Sprachanwendung, durch Ausübung von Bräuchen, oder durch Bekenntnis?

Scholze: Es gibt in der Praxis alle diese Möglichkeiten, die Sie in Ihrer Frage erwähnen. Deshalb hat die Politik im vereinten Europa beschlossen, den Leuten – also den Angehörigen von Minderheiten – die Entscheidung gleich selbst zu überlassen: Wenn sich also jemand als Sorbe „bekennt“, dann ist es nach aktueller Rechtsprechung nicht erlaubt, dies amtlich zu überprüfen (siehe Sächsisches Sorbengesetz von 1999).

Allerdings existiert ein Kriterium, das es den betreffenden Personen erleichtert, in der Außenwahrnehmung ihrer Umwelt die nötige Anerkennung zu finden. Das ist – in ca. 80 % der Fälle – die Kenntnis bzw. Anwendung einer der beiden sorbischen Sprachen. Und in spezifischen Kontexten kommt dann auch noch die Förderfähigkeit bei Projekten hinzu, die Bund und Länder gern auf kompetente Träger der sorbischen Sprache und Kultur begrenzen möchten.

Vielen Dank für die Erläuterung.

Sorbisches Kulturlexikon
Herausgegeben von Franz Schön und Dietrich Scholze,
unter Mitarbeit von Susanne Hose, Maria Mirtschin und Anja Pohontsch
580 S., über 700 Abb. u. Kt., Hardcover
ISBN 978-3-7420-2229-5
Preis: 49,00 Euro

2 Gedanken zu „Sorbe – wie wird man das eigentlich?

  1. Mein Vater ist aus croswitz Bautzen. Er und seine 15 Geschwister sind Sorben gewesen. Meine Verwandten leben immer noch in Bautzen und viele sprechen sorbisch. Ich lebe in meiner Geburtsstadt Spremberg NL
    Bin ich trotzdem Sorbe?
    Petra Weigel

    1. Wenn du willst, kannst du es sein (sh. Artikel). Noch schöner wäre es natürlich, wenn du wieder anfängst, die Sprache deiner Vorfahren zu lernen.

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