Bautzen, der schwärzeste Winkel der Lausitz

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Er war MusikkapellRFB_Emblem_1e, Saalschutz, Demozug, Agitations- und Propagandaorgan, Schlägertrupp und Bildungseinrichtung – auf marxistisch-leninistischer Linie war der Rote Frontkämpferbund (RFB) all das in einem. Der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), wie man heute sagen würde, nahestehend, organisierte der RFB allerhand politische Veranstaltungen und Aktionen rund um KPD und Arbeiterklasse. Bis zum Verbot am 3. Mai 1929 konnte der uniformierte Widerpart von Sturmabteilung und Stahlhelm rund 110.000 Mitgliedern unter der roten Faust vereinen.

In Bautzen wurde der RFB am 17. September 1924 gegründet. Als erster Leiter trat der KPD-Politiker Martin Hoop in Erscheinung. Später bekleidete dieses Amt Kurt Pchalek. Zwei Personen also, die noch heute als Namen für Straßen in der Spreestadt in Erscheinung treten. Zum „Untergau Bautzen“ gehörten damals die Ortsgruppen Bautzen, Cunewalde, Großdubrau, Großpostwitz, Neschwitz und Soculahora. Woher ich das weiß? Mein Uropa war damals erster Schalmeispieler in der Ortsgruppe Großpostwitz. Noch heute erzählt er mit blitzenden Augen von deftigen Kneipenschlägereien gegen den Stahlhelm. In Wirklichkeit habe ich aber lediglich das nicht weniger interessante Kompendium von Christian Hermann „Roter Frontkämpferbund (RFB) in Dresden und Ostsachsen 1924–1929“ (2014) gelesen.

Die vorliegende Chronik widerspiegelt Entwicklung und Tätigkeit des RFB in einem seiner 26 Gaue: im Gau Ostsachsen mit Dresden als Sitz der Gauleitung. Die Chronik gibt Auskunft zur Gründung der Ortsgruppen, zur Organisationsstruktur, zur Durchführung zentraler Kampagnen sowie regionaler und lokaler Veranstaltungen des RFB im Gau Ostsachsen, in seinen 10 Untergauen (Dresden, Bautzen, Bischofswerda, Ebersbach, Freiberg, Freital, Meißen, Ottendorf-Okrilla, Pirna, Zittau) und in den etwa 70 Ortsgruppen.

Ein Stempel des RFB Bautzen | Aus: Hermann: Roter Frontkämpferbund (RFB) in Dresden und Ostsachsen 1924–1929, 2014, S. 19
Ein Stempel des RFB Bautzen | Aus: Hermann: Roter Frontkämpferbund (RFB) in Dresden und Ostsachsen 1924–1929, 2014, S. 19

In der mit reichlich Bildern durchsetzten Zusammenstellung schildern Herrmanns akribisch zusammengetragenen Quellen die Situation in der Oberlausitz während der Weimarer Republik. Polizeiberichte werden neben Schilderungen aus der Arbeiterstimme gelegt, Ausführungen von Stadträten neben jene von RFB-Mitgliedern. Einer kurzen Zusammenfassung des Autors folgen Originalzitate aus den Medien und Verlautbarungen der 1920er Jahre.

31. Dezember 1926 „Proletarische Silvesterfeier“ der RFB-Ortsgruppe Bautzen in der „Klosterschänke“ in Bautzen – Gegen 24 Uhr marschieren etwa 80 Rote Frontkämpfer zum Hauptmarkt, wo der RFB-Tambourzug die „Internationale“ spielt, während vom Rathausturm der Choral „nun danket alle Gott“ geblasen wird.

„Seit einigen Jahren haben während der Silvesternacht nach der gewohnheitsmäßig auf dem Hauptmarkte stattfindenden Silvesterfeier Radaulustige Umzüge durch die Straßen der Stadt veranstaltet und sind hierbei auch vor die Gefängnisanstalten gezogen, wo sie durch Ansprachen, Singen und Johlen nicht nur die dort untergebrachten Gefangenen beunruhigt, sondern auch die nächtliche Ruhe ganz erheblich gestört haben. Da dieses Gebaren eine erhebliche Belästigung und Ruhestörung darstellt, so wird künftig gegen die etwa hieran Beteiligten eingeschritten werden. (Aus: Bekanntgabe Stadtrat/Polizeiamt Bautzen im Amtsblatt 27.01.1927)

1. Mai 1927 Teilnahme der RFB-Ortgruppe Bautzen an der vom Ostausschuss Bautzen organisierten Maidemonstration und Maikundgebung

„Die organisierte Arbeiterschaft Bautzens am 1. Mai für die rote Klassenfront. Die vom Ortsausschuß Bautzen organisierte Maidemonstration begann morgens um 6 Uhr durch Wecken mit den Tambourzügen von Rot-Front, dem Turnverein mit Musikkapelle und der Reichsbannertambourzug. Trotz des Regens war die Beteiligung eine gute. Rot-Front-Kameraden und Genossen trieben eifrig Propaganda durch Vertreibung von Maizeitungen und andere, die Arbeiterschaft aufklärende Broschüren. Auch die Platzmusik vor dem Gewerkschaftshaus wies eine starke Beteiligung auf.

Die Demonstration am Nachmittag, welche um 2 Uhr unter roten Fahnen und einer starken Anteilnahme der Bevölkerung stattfand, bewies, daß die Bautzener Arbeiterschaft aus der Defensive in die Offensive gegen das Bürgertum überzugehen beginnt. Ungefähr 1800-2000 Teilnehmer im Zug selbst und die starke Anteilnahme der kleinbürgerlichen Schichten, welche dem Zuge starke Sympathien durch den Kauf von Zeitungen usw. entgegenbrachten, zeigt, daß auch in dem schwärzesten Winkel der Lausitz die rote Front marschiert. Auf dem Sportplatz im Bismarkhain führte der Arbeitergesangverein ‚Lied hoch‘ sich wieder gut bei den Arbeitern ein. ‚Brüder zur Sonne zur Freiheit‘, die Arbeitermarseillaise und ‚Tord Foleson‘ wurden vorgetragen.

Die Rede des Sozialdemokraten Freud stand sichtlich unter dem Druck der Arbeitermassen. […] Den Nachmittag füllten die Turner und Sportler, die Jugend und Fußballer durch mustergültige Darbietungen aus. Abends 7 Uhr folgte gemeinsamer Einmarsch unter den Klängen der ‚Internationale‘. Arbeiter Bautzens! Marschiert weiter so gegen Faschismus, Reaktion und Ausbeutung, wenn aufgerufen wird am 8. Mai […]“ (Aus: Arbeiterstimme, 04.05.1927)

Für Historiker, Bautzener und die heutige Linke ein spannender Einblick in das damalige politische Milieu und seine Protagonisten im konservativen Ostsachsen.

Roter Frontkämpferbund (RFB) in Dresden und Ostsachsen 1924–1929
Chronik – Bilder – Dokumente
Von Christian Hermann
Leipziger Universitätsverlag
07.02.2014
324 Seiten
ISBN 978-3-86583-843-8
Preis 29.00 €