Schon wieder die Torwachen! – „Krabat a potajnstwo serbskeho krala“ im Test

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Seit Ende Oktober ist es auf dem Markt, das neue Abenteuer-Spiel „Krabat a potajnstwo serbskeho krala“. Dieses hatte ich hier nur oberflächlich vorgestellt. Robert Lorenz hat es durchgespielt. Wie er das Spiel findet und ob es schlussendlich unter jeden gut sortierten Weihnachtsbaum gehört, erfahrt ihr im folgenden Gastbeitrag.

Rapaki legen mit „Krabat a potajnstwo serbskeho krala“ ihr zweites sorbisches PC-Adventure vor

Von Robert Lorenz

Die Geschichte des Adventures ist lang und bewegt. Das Genre hatte gemeinsam mit dem First Person Shooter in den 1990er Jahren den PC als Spielplattform groß werden lassen. Eine ganze Generation von Heranwachsenden wurde durch Titel wie „Monkey Island“ tief geprägt. Kaum ein 40jähriger, der noch heute bei dem Satz: „Da, hinter dir, ein dreiköpfiger Affe!“ nicht sofort ein Leuchten in den Augen bekommt. Erinnerungen an durchfrustete Nachmittage, an denen man vergeblich über einem Rätsel nachgrübelte. Ein Internet zum ergoogeln der Lösung gab es noch nicht. Und in der Schule gab es nur einen, der eine schlecht zusammenkopierte Komplettlösung besaß – und den man erst in der neuen Woche wieder fragen konnte. Der Triumph, wenn man dann doch alleine drauf kam!

Um das Jahr 2000 war dann allerdings der Boom vorbei, und nicht wenige prophezeiten damals ein Ende des Genres. Nur in Europa hielten sich hartnäckig einige kleine Studios, die weiter Titel für die verbliebenen Fans produzierten, wie zum Beispiel Amanita Design in Tschechien oder Funcom in Norwegen. In dieser Situation veröffentlichten sechs Freunde aus der Lausitz unter dem Namen Rapaki 2001 das erste sorbische Videospiel der Geschichte, „Krabat je so nawróćił“ – ein Adventure. Das liebevoll gestaltete Spiel war unter sorbischen Jugendlichen sehr beliebt. Da es aber keine deutsche Sprachversion gab, blieb es außerhalb der zweisprachigen Lausitz bis heute weitestgehend unbekannt.

2015 hat sich die Situation für das PC-Adventure wieder deutlich verbessert. Das Genre ist vielfältiger geworden, bietet Titel für jede Altersstufe und besitzt inzwischen unter anderem mit dem deutschen Studio und Publisher Daedalic wieder breitenwirksame Verleger. Hinzu kommt der digitale Vertrieb, der es auch kleinen Studios einfacher macht, ihre Kunden direkt zu erreichen. Und es gibt eine neue Generation von Spielern, die wieder Spaß am Rätseln und Kombinieren findet. Hinzu kommen die Spieler von damals, die heute Eltern sind und für ihre Kinder nach geeigneten Titeln suchen. Einer davon wird nun auch „Krabat a potajnstwo serbskeho krala“ sein, mit dem Rapaki sich zum zweiten Mal zu Wort melden.

Damit ist es an der Zeit, mit dem Loben zu beginnen und eine dringende Kaufempfehlung auszusprechen. Denn Rapaki legen in allen Belangen im Vergleich zu 2001 eine Schippe drauf. Jörg Hübners Drehbuch ist abwechslungsreich, spannend und voller Humor. Bei Hochkirch ist August dem Starken ein Regiment abhanden gekommen. Die Spuren deuten auf einen „Wendenkönig“ hin, was den Regenten misstrauisch auf seine sorbischen Untertanen blicken lässt. Deutet sich im sorbischen Hinterland eine Rebellion an? Krabat muss das Rätsel lösen, bevor die Lausitz den Zorn ihres Fürsten zu spüren bekommt. Seine Suche führt in fünf Kapiteln durch die gesamte Region, wobei auch Figuren ihrer Märchen- und Sagenwelt immer wieder einen Auftritt erhalten. Und einen finsteren Gegenspieler gibt es natürlich auch. Jörg Hübner bezeichnet das Spiel als „Edutainment“. Aber die kulturgeschichtlichen Fakten treten nie so dominant in den Vordergrund, dass der Ton zu belehrend wird, und die Balance zwischen Märchen- und Geschichtsbuch bleibt gewahrt. Ab und an blitzen auch sehr charmante popkulturelle Referenzen von Star Wars über Monkey Island bis Silbermond auf. Man muss also keine Angst davor haben, hier unfreiwillig in eine regionalkundliche Geschichtsvorlesung zu geraten. Das Rätseldesign von Jan Bjeńš ist gelungen, bietet in der Hauptsache klassische Kombinations- und Dialogrätsel und richtet sich im Schwierigkeitsgrad bis auf eine große Kopfnuss in der Spielmitte eher an Einsteiger. Der Titel ist damit hervorragend dazu geeignet, die eigenen Kinder an Videospiele heranzuführen. Und für Fans des ersten Spiels gibt es ein Wiedersehen mit zwei altbekannten Torwachen!

Die handgezeichnete Grafik ist wunderschön und zeigt, dass Šćěpan Hanuš inzwischen zu einem der besten Lausitzer Grafiker und Illustratoren geworden ist. Ob geheimnisvoll-nächtliches Bautzen, sonniges Schweinerden oder sumpfiger Spreewald – die Szenerie saugt einen sofort atmosphärisch ein. Dabei hilft auch die großartige Sprach- und Tonregie von Michał Cyž. Die obersorbischen Sprecher sind gut ausgewählt, und Tonspuren wie das Stimmengewirr der nächtlichen Gäste in der Bautzner Kneipe sind ganz großes Handwerk und bereiten beim Zuhören viel Vergnügen. Hinzu tritt dann noch Ištwan Kobjelas abwechslungsreiche Musik, die sich zwischen Polka und Krimi-Klangteppich bewegt und als einen Höhepunkt rappende Ratten aufweisen kann! Technisch gibt es keine Probleme, Daniel Zoba hat einen sauberen Code abgeliefert. Ausdrücklich loben möchte der Rezensent die vollständige deutsche Untertitelung, die das Spiel für breitere Kundenkreise in der Lausitz und hoffentlich auch über diese hinaus öffnet. Für die Zukunft sollte man unbedingt auch noch eine polnische und tschechische ins Auge fassen, um den Markt des Titels weiter zu vergrößern.

Womit der einzige wirkliche Kritikpunkt angesprochen wäre. Der bisher ausschließliche Vertrieb des Spiels über einige wenige Ladengeschäfte der zweisprachigen Lausitz ist nicht mehr zeitgemäß und kontraproduktiv. Der Titel benötigt unbedingt zusätzlich einen digitalen Verkauf, zum Beispiel über die Studio-Seite von Rapaki. Dann stünde einem größeren medialen Echo des gelungenen Spiels und damit seinem Platz unter vielen Weihnachtsbäumen, ob in der Lausitz oder anderswo, nichts mehr im Weg.

Am Ende ein Wunsch: Mehr sorbische Videospiele! Gern auch jenseits weiterer Krabat-Stoffe und Zugeständnisse an Fördersatzungen. Warum nicht mal ein Rollenspiel? Oder ein Shooter? Die polnische und ukrainische Szene hat in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt, was kleine Studios hier in der Lage sind, auf die Beine zu stellen. Nur Mut!

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