Service Learning oder der unkontrollierbare Eingriff durch Dritte

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Le Havre
Französisches Sinnbild für das deutsche Schulsystem: Die Wirklichkeit muss draußen bleiben damit Schüler zu verantwortungsvollen und selbstbestimmt handelden Menschen erzogen werden können.

Dass es sich bei einem Großteil der Allgemeinbildenden Schulen in Deutschland um lebensferne Autokratie-Kästen handelt, beschrieb ich erst vor Kurzem. Dass sich dieser Eindruck nun auch auf den Landeselternrat Sachsen (LER), dem Lobbyverein für Eltern von Schülern, ausweitet, beschreibe ich heute. Allerdings nur in sehr knappen Worten, da ich sonst verpasse, wie Dritte aus unsicheren Drittstaaten, die dritte Klasse meiner ehemaligen Schule unsicher machen.

Der Vorstand des Landeselternrats Sachsen veröffentlichte vor zwei Tagen eine „Stellungnahme zur Nutzung der unmittelbar an Schulen angeschlossenen Sporthallen als Erstaufnahmeeinrichtungen und Flüchtlingsunterkünfte“ (PDF). An drei Punkten soll die Unzumutbarkeit der Unterbringung von Geflüchteten an schulischen Einrichtungen eindringlich dargelegt werden. Here we go:

1. Die Schule, deren Funktion als Lern- und Lebensort unserer Kinder dient, ist ein besonders zu schützender Raum. Den gemeinsamen Lern- und Erziehungsauftrag haben gleichermaßen Pädagogen und Eltern lt. sächs. Grund- und Schulgesetz zu erfüllen. Vom jeweiligen Schulträger werden zwar die Gebäude und Räumlichkeiten der schulischen Bildung und Ausbildung zur Verfügung gestellt, so obliegt jedoch deren Nutzung ausschließlich den Schülern, Lehrerinnen und Lehrern. Einen unkontrollierbaren Eingriff durch Dritte, ob beteiligte oder unbeteiligte Personen, stellen ein erhebliches Personen-, Gebäude-, Verantwortungs- und Rettungsrisiko bei Brand-, Katastrophen-, oder Fluchtwegmanagement dar.

2. In Sachsen besteht ausnahmslos die Schulpflicht, dies gilt auch für den Sportunterricht. Wir riskieren erheblichen Wildwuchs bei ständigen Abweichungen von Regeln, die durch Fremdeinwirkungen verursacht werden, hebeln somit unter Umständen die Schulpflicht für bestimmte Bereiche aus, da die Zumutbarkeit und die Einhaltung des Lehrplanes, aber auch die freie Wahl verschiedener Lehrplanelemente, wie Profilauswahl im Sportunterricht gefährdet werden.

3. Unseren Kindern werden ständig und hautnah Konflikte vor Augen geführt, die bei der Aufnahme von bis zu 300 Personen, gerade auch in Sporthallen unter eingeschränkten Bedingungen (z.B. bei ca. 6 Toiletten und 10 Duschen, Ver- und Entsorgungslogistik, Medien- und Gafferanwesenheit und eventuellen Ausschreitungen, Notfalleinsätzen u.v.m.) bis in die Familien getragen werden, die dann ein völlig anderes Meinungsbild zur gegenwärtigen Flüchtlingspolitik, der Hilfe und Solidarität herbeiführen können. Sehr leicht könnten sich Anhänger menschenfeindlicher Gruppierungen, extremistischer Gesinnungen und Gewalt gegen Ausländer, Lehrer/innen, Pressevertreter oder sogar Elternvertreter etablieren. Demokratische Errungenschaften an Schulen werden so gefährdet und ggf. außer Kraft gesetzt.

Gemeinschaftsunterkünfte sind mithin die schlechtesten Lösungen für die Unterbringung von Heimatvertriebenen, Punkt. Kann es aus verschiedenen Gründen aber nicht zum Bezug von Wohnungen kommen, müssen leider Turnhallen oder Baumärkte herhalten. Es kommt dann darauf an, es den Menschen in diesen Behausungen so angenehm wie möglich zu machen. Etwa durch die kurzweilige Betreuung von Flüchtlings-Kindern, das wiederum zu einer wesentlichen Entlastung der Eltern führen kann.
Die unweit von solchen Gemeinschaftsunterkünften unterrichteten Schülerinnen und Schüler könnten in Absprache mit den Schulen für solch wichtige Aufgaben herangezogen werden und dabei soziales Engagement (aus)üben. Die bisher nur heimlich durch das Smartphone in das Klassenzimmer transferierte Außenwelt, könnte somit ganz offiziell zum Bestandteil von Lehrplänen werden. „Service Learning“, also das Lernen durch Einsatz, heißt so etwas und wird bereits in einigen Bildungseinrichtungen durchgeführt. Der Einsatz von Schule in Asylbewerberheimen bzw. in der Flüchtlingsarbeit birgt in vielerlei Hinsicht positive Effekte für den gesamtgesellschaftlichen Demokratieprozess: die Reduzierung von Ängsten gegenüber Nicht-Deutschen, das Entwickeln von empathischen Verhaltensweisen, das Einüben von Perspektivwechseln sowie das Verstehen von komplexen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen (Krieg in Syrien, Genfer Flüchtlingskonvention, deutsche Asylpolitik usw.).

Diese Anzahl von gewinnbringenden Folgen während der Zusammenarbeit mit Flüchtlings-Initiativen und Vereinen, kann die „gesetzlich legitimierte Vertretung der Eltern von ca. 530.000 Schülern an sächsischen Schulen“ nicht erkennen. Vielmehr zieht der LER den heroisierten Sportunterricht – eine erniedrigendere Eigenschaft besitzt nur noch der Musikunterricht – über das Grundrecht auf Asyl. Den Reflex „Flüchtlinge ja, aber nicht bei uns“ kennen wir auch aus ganz anderen Interessenvertretungen. Meistens fangen die mit „Bürgerinitiative“ an und hören mit „wehrt sich“ auf. Überhaupt unterstreicht der LER mit seiner piefigen Art, Flüchtlinge aus dem Blickfeld von Kinder und Jugendlichen zu schieben, mein Bild von der parallelweltlichen Zensurvergabestelle unter adulter Obhut. Kommt das ernste Leben, Pardon, kommen „unkontrollierbare Eingriffe durch Dritte“ dem Lehrplan in die Quere, wird sogleich nach Konsequenzen gerufen, damit sich die auf Verwertbarkeit getrimmten Schülerinnen und Schüler störungsfrei zu „verantwortungsbewussten Staatsbürgern“ (LER) entwickeln können.

Da nun auch der Landeselternrat Sachsen ganz prächtig gezeigt hat, dass er unter Bildung Schulpflicht und unter „demokratische Errungenschaft“ Schulen versteht, wird sich an den rassistischen Verhältnissen im Freistaat so schnell nichts ändern.

[via]

4 Gedanken zu „Service Learning oder der unkontrollierbare Eingriff durch Dritte

  1. 2. In Sachsen besteht ausnahmslos die Schulpflicht, dies gilt auch für den Sportunterricht. Wir riskieren erheblichen Wildwuchs bla, bla, bla………………..

    möchte mal wissen, wer sich da stundenlang die Fingernägel zerkaut hat und diesen Wildwuchs aufschrieb.

    Vielleicht sollte man in Deutschland die Waffengesetzte ändern. Ähnlich wie in
    den USA, nur das hier gleich Kinder Waffen tragen und absichtlich um sich schießen
    dürfen………oder eine Art Käseglocke über die Schule wie in „Under the Dom“.

  2. Die Sorgen der Eltern sind verständlich. Habt ihr Kinder? Ignoriert ihr die Zustände in den Unterkünften – unabhängig davon, ob die Flüchtlinge keinen Anstand oder die Deutschen keinen Plan haben? Die „Wir-haben-(uns)-alle-lieb“-Ideologie, die die anderen standardmäßig als demokratieungelernte bezeichnet, bringt uns aktuell leider nicht weiter. Die Gruppe, die im aktuellen Zustand ein Problem sieht, wächst an – und das nicht, weil alle Menschenfeinde sind, Rassisten, sondern weil einfach reale Probleme bestehen. Ihr solltet ein bisschen mehr auf die Realität achten und diese versuchen, mit eurer Theorie in Einklang zu bringen.

    1. Ich weiß gar nicht, ob der LER für alle Eltern schulpflichtiger Kinder in Sachsen gesprochen hat.
      Aber fernab der Vertretungsregelung, gebe ich Ihnen natürlich insofern Recht, dass die derzeitige Situation in Dresden-Prohlis (Brandanschläge durch besorgte Bürger usw.) auch kritisiert werden muss. Mir geht es allerdings schwer gegen den Strich, wenn sich der LER hinstellt und ausschließlich negative Aspekte bei der Unterbringung von Geflüchteten neben Schulgebäuden ins Feld führt. Und das tut er für den gesamten Freistaat. Die Effekte, die dann nämlich aufploppen, sind genau die, die Sie verständlicherweise beschreiben: Angst um das Wohl des eigenen Kindes.

      Der LER hätte auch durchaus o.g. Chancen benennen, aber gleichzeitig auch Kritik an der menschenunwürdigen Unterbringung äußern und Schutz der Kinder vor marodierenden Neonazis einfordern können. Aber nein, der LER schiebt den Ausfall von Sportunterricht vor, um die Unterbringung von Flüchtlingen komplett abzulehnen. Das ist, und da gebe ich Ihnen wieder Recht, zwar sächsische Realität, aber mit der kann ich mich nicht anfreunden.

  3. Zitat von Ann Sophie:

    „……Ihr solltet ein bisschen mehr auf die Realität achten und diese versuchen, mit eurer Theorie in Einklang zu bringen…….“

    Das mit der Realität täte Ihnen auch gut
    das die Flüchtlinge hier her kommen ist in der Praxis Realität auch die Probleme, aber da ist
    so ein Montagabendsspaziergang von Blögida
    ziemlich unnütz, es sei den die wollen keine Touristen in Sachsen.
    Zu deren Mißbrauch des `89 er Ausrufs „Wir sind das Volk“ bin ich sehr verärgert, zu diesem „Volk“ möchte ich nicht gehören…………………

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