Endlich: Geschichte der Bautzener Strafanstalten während des Nationalsozialismus wird aufgearbeitet

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Auch Ernst Thälmann könnte diese Klinkersteine gesehen haben. Er saß zwischen '43 und '44 im "Gelben Elend". Wie er schlussendlich 1945 umkam, darüber ist man sich bis heute im Unklaren.
Auch Ernst Thälmann könnte diese Klinkersteine gesehen haben. Er saß zwischen ’43 und ’44 im „Gelben Elend“, der heutigen Justizvollzugsanstalt Bautzen. Wie und wo der KPD-Führer schlussendlich 1945 umkam, darüber herrscht bis heute keine Klarheit.

Neulich bei Twitter: Die „Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft“ bewirbt eine Veranstaltung zum kommunistischen Widerstandskämpfer Georg Schumann, der im Januar 1945 wegen Hochverrats in Dresden hingerichtet wurde. Der Umstand, dass die Stiftung die Leistungen eines Kommunisten zumindest nicht negativ in den geschichtlichen Kontext einhegt, fand ich so bemerkenswert, dass ich sogleich forderte:

Kurze Zeit später folgte eine ordentliche Pressemitteilung über die Erarbeitung der Dauerausstellung „Bautzen I und II im Nationalsozialismus. 1933 – 1945“:

Zwischen 1933 und 1945 waren in den Gefängnissen Bautzen I und Bautzen II Menschen inhaftiert, die Opfer der rassischen, völkischen und politischen Gesetzgebung der Nationalsozialisten wurden. Sozialdemokraten, Kommunisten, angehörige demokratischer Parteien, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, vermeintliche „Wirtschafts-“ und „Rundfunkverbrecher“, jugendliche „Asoziale“, ausländische Widerstandskämpfer aus den von den Deutschen besetzen Gebieten – in den Gefängnissen waren nahezu alle Opfer- und Verfolgtengruppen zu finden.

Das Ausstellungsvorhaben „Bautzen I und II im Nationalsozialismus. 1933 – 1945“ – die künftig dritte Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bautzen – wird vom Freistaat Sachsen und dem Bund mit einem Gesamtvolumen von 465.600 Euro gefördert. Neben inhaltlichen Recherchen laufen derzeit die gestalterischen und baulichen Planungen zur Umsetzung der Ausstellung. Die Ausstellung soll 2017 eröffnet werden.

Laut eines Konzepts sollte dieser kommunal-, ja, sogar weltgeschichtliche Teil jener NS-Dekade bereits 1997 aufgearbeitet werden. Dies konnte, wie die Stiftung auf Nachfrage mitteilte, allerdings erst jetzt mit den bereitgestellten finanziellen Mitteln ermöglicht werden.

Die Einzelhöfe von Bautzen II. Wenn in Gesprächen oder Schriftstücken die DDR und Bautzen in einem Atemzug genannt werden, dann steht die Spreestadt zumeist synonym für den berüchtigten „Stasi-Knast“. | Foto: © Gedenkstätte Bautzen

LaBa bemängelt schon länger die offenkundige Ungleichgewichtung der Aufarbeitungsintensität der Strafanstaltenhistorie durch die Stiftung Sächsische Gedenkstätten. So beschäftigen sich derzeit acht von neun Stiftungspublikationen mit Bautzen I+II zwischen 1945 und 1989. Die ausschließliche Fokussierung auf das Unrecht in SBZ und DDR mag 21 Jahre nach Gründung der Stiftung politisch opportun gewesen sein, aus wissenschaftlich-historischer Perspektive betrachtet, stellt sich jene ideologisch motivierte Aufarbeitung nun aber als wesentliches Menetekel für die gesamte Stiftung dar. Jener Eindruck könnte mit der Ausstellungseröffnung über die Verbrechen des faschistischen Deutschland in den Bautzener Strafanstalten etwas entkräftet werden.