„Eine Stadt mit hohem rechtsradikalem Potenzial hat keine Zukunft“

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„Bautzen belegt“ – diese Aussage, die da auf einer Art Ortseingangschild in den Abendhimmel der sächsischen Landeshauptstadt gehalten wird, soll ein Zeichen setzen. Gegen die Unterbringung von Asylsuchenden in der Spreestadt. Mittlerweile gibt es ein Dutzend dieser Schilder sächsischer Kleinstädte auf den erstarkenden PEGIDA-Demonstrationen zu sehen.

willkommenklein.fw_Ein neu gegründeter Verein wirbt nun ebenfalls mit so einem Ortseingangschild für seine Überzeugung. Der Slogan darauf setzt jedoch diametral anderes Zeichen, als das der Fremdenfeinde in Dresden: „Willkommen in Bautzen / Budyšin“ steht darauf und gehört zum gleichnamigen Verein, der sich aus dem Bündnis „Bautzen bleibt bunt – Budyšin wostanje pisany“ entwickelte. Ich konnte mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Andreas von Geibler über die Ziele, Herausforderungen und Wünsche des „Willkommen in Bautzen e.V.“ sprechen.*

Hallo Herr von Geibler. Seit wann gibt es den Verein und was waren die Auslöser für die Gründung?
Der Verein „Willkommen in Bautzen e.V.“ wurde am 02. Juni 2015 gegründet, ist also gerade einmal 4 Monate alt und hat gerade die „bürokratische“ Gründungsphase erfolgreich abgeschlossen. Die Gründungsmitglieder sind ehrenamtlich tätige Mitglieder aus den Reihen des Bündnisses „Bautzen bleibt bunt.“
Auslöser für die Gründung des Vereins war die Erkenntnis, dass für die Verwaltung und Verwendung von Preisgeldern und Spenden ein rechtlich einwandfreier und transparenter Rahmen benötigt wird. Dafür ist der gemeinnützige Verein „Willkommen in Bautzen e.V.“ das Instrument der Wahl. Außerdem ist man mit einem anerkannten Verein und gewähltem Vorstand auf „Augenhöhe“ mit anderen Vereinen, der Stadtverwaltung und Unternehmen, wenn es darum geht, Aktivitäten für ein weltoffenes und tolerantes Bautzen zu entwickeln.

Was sind die konkreten Ziele des Vereins und wo wirken seine Mitglieder?
Der Verein will ehrenamtliche Aktivitäten und Projekte in Bautzen und Umgebung finanziell fördern und unterstützen, die der Integration von Flüchtlingen dienlich sind, sich für Toleranz gegenüber Menschen aus anderen Kulturen einsetzen und sich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wenden. Dies geschieht durch eine aktive Einwerbung und Verwendung von Spenden und Fördermitteln. Transparenz und Ehrenamt steht dabei an erster Stelle. In nächster Zeit werden wir an die Stadt und den neuen Oberbürgermeister, die Bautzener Vereine und die Bautzener Unternehmen heran treten und mit ins Boot holen.

Was sind die derzeit größten Herausforderungen für den Verein?
Der Faktor „Zeit“ ist im Moment die größte Herausforderung. Alle Vorstandsmitglieder sind ehrenamtlich tätig und können nur nach ihrer beruflichen Tätigkeit für den Verein aktiv werden. So dauern alle Dinge etwas länger, als es allen Vorstandsmitgliedern lieb ist.

Wie können Interessierte den Verein aktiv / passiv unterstützen?
Wer sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit in Bautzen engagieren möchte, kann dies im Bündnis „Bautzen bleibt bunt“ tun. Bei der erwarteten Zunahme der Flüchtlingszahlen sind vor allem Helfer gefragt, die eine Patenschaft für einen Flüchtling übernehmen möchten oder regelmäßige Veranstaltungen, wie etwa Deutsch-, Sport-, Musik- oder Kreativkurse anbieten können. In allen Fällen müssen die Helfer ausreichend Sozialkompetenz mitbringen. Auf der Internetseite des Bündnisses (www.bautzenbleibtbunt.de) findet man dazu weitere Informationen und kann sich mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten vorstellen.

Wer konkrete Projektideen zur Integration von Flüchtlingen oder zur Förderung von Toleranz und Demokratie hat, kann eine finanzielle Förderung des Projektes beim Verein Willkommen in Bautzen e.V. beantragen. Und natürlich sind auch neue Mitglieder zur Unterstützung der Vereinsarbeit herzlich willkommen. Informationen dazu gibt es auf der Internetseite des Vereins.

Geldspenden können auf folgendes Konto des Vereins „Willkommen in Bautzen e.V.“ überwiesen werden:

Kontoinhaber : Willkommen in Bautzen e.V.
Bank : Sparkasse Bautzen
IBAN : DE02855500001002022700

In Freital, Meißen, Heidenau und Dresden gab es in den letzten Tagen und Wochen mehrere rassistische motivierte Gewalttaten gegenüber Asylsuchenden und deren Unterstützer. Wie schätzen Sie die aktuelle Stimmung in Bautzen und Umgebung ein.
Rassistische Gewalttaten und Hetze gegen Flüchtlingsunterkünfte, Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer gab es in den letzten Jahren in Bautzen immer wieder. Dazu fanden im vergangenen Jahr mehrere rechtsradikale Demonstrationen statt. Dass sich aktuell derartige Aktivitäten nach Freital, Meißen, Dresden und Heidenau verlagern und stärker im öffentlichen Fokus stehen, ändert nichts an der außerordentlich starken Mobilisierung rassistisch motivierter Gruppierungen in Bautzen und Umgebung. Wir werden leider auch in Bautzen weiter mit solchen Demonstrationen und Übergriffen rechnen müssen.

Was erwarten Sie sich vom neuen Oberbürgermeister in der Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen Aktionen in der Stadt Bautzen?
Das Bündnis „Bautzen bleibt bunt“ hat im vergangenen Jahr durch unglaublich viel ehrenamtliches und vorbildliches Engagement zur Integration der Flüchtlinge in die Bautzener Gesellschaft beigetragen. Das Bündnis hat dafür mehrere Preise verliehen bekommen und so bundesweit positiv auf Bautzen aufmerksam gemacht. Das ist die beste Werbung, die sich die Stadt Bautzen mit ihrem angeschlagenen Image wünschen kann.

Die Stadt muss durch personelle und organisatorische Unterstützung die ehrenamtliche Integrationsarbeit stärken. Die ehrenamtlich Tätigen sind bereits jetzt am Rande ihrer Möglichkeiten. Wenn absehbar weitere Flüchtlinge nach Bautzen kommen, kann das bisherige Integrations-Niveau durch die ehrenamtliche Arbeit nicht mehr aufrechterhalten werden.

Außerdem ist mit öffentlichen Bekundungen nach dem Motto „Wir lassen uns den Ruf der Stadt Bautzen durch rechtsradikale Aktivitäten nicht kaputt machen“ überhaupt nichts erreicht. Eine deutliche personelle und finanzielle Stärkung der präventiven Jugendarbeit ist unbedingt notwendig, um den rechtsradikalen Aktivitäten in Bautzen nachhaltig etwas entgegen zu setzen.
Seitens des neuen Bürgermeisters, der Stadtverwaltung und des Stadtrates wünschen wir uns genau so viel Engagement bei dem Thema Integration und Demokratieförderung wie bei den politischen Themen, zum Beispiel „Areal Lauencenter“ oder „Belebung der Innenstadt“. Dies gilt auch für die Bautzener Vereine und Unternehmen. Für das zukünftige Zusammenleben der Bautzener Bürger ist das Thema Integration nämlich mindestens genauso wichtig. Eine Stadt mit hohem rechtsradikalen Potenzial, in der Teile der Gesellschaft sich offen rassistisch äußern und die Einwohner in Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse einteilen und viele Bürger teilnahmslos wegschauen, hat keine Zukunft.

Vielen Dank für das kurze Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei der wichtigen Vereinsarbeit.

* Die Fragen sind ähnlich zu denen, die ich bereits dem „Bautzen rollt e.V.“ gestellt hatte.