Betrunkene Asylheimkritiker [Update]

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Für die einen sind es „Asylkritiker“, für die anderen neofaschistische Anhänger der Partei Die Rechte. Hier bei einer Demo in Bautzen.

In den vergangenen beiden Nächten zogen in Bischofswerda jeweils 80 Personen auf, um gegen eine neueingerichtete Notunterkunft für Heimatvertriebene zu demonstrierten, zu pöbeln und zu blockieren. Es kam zu Hitlergrüßen, zu verbalen Bedrohungen, zu Blockadeversuchen und zu Flaschenwürfen – gerichtet gegen die Neuankömmlinge am „Tor zur Oberlausitz“. Rassisten und organisierte Neonazis verabredeten sich im Vorfeld über soziale Netzwerke, um „dem System zu zeigen, was wir [„Die Rechte“ Bautzen, Anm. VP] von dieser Asylpolitik halten.“

Neben der neofaschistischen Partei „Die Rechte“, die die nächtlichen Aufzüge mit „Bischofswerda wehrt sich!“ feierte, traten die „Freien Kräfte Hoyerswerda“, also diejenigen, die zwei Antifaschisten aus Hoyerswerda gewalttätig vertrieben, und Gabriele Williger in Erscheinung. Willinger war nach Angaben der Sächsischen Zeitung Anmelderin der fremdenfeindlichen Demo am Freitagabend. In ihrer sonstigen Freizeit fungiert sie unter anderem als Organisatorin der rassistischen Hoygida-Bewegung. Was man über das politische Milieu, in der sich die unscheinbare ältere Dame, die ebenso aus Hoyerswerda stammt, sonst noch wissen sollte, beschrieb im Frühjahr dieses Jahres das Blog „Pogrom91“:

Auf ihrer Facebookseite hat Gabriele Williger die NPD Sachsen, die NPD Saar und Die Rechte Dortmund, sowie die Seite “Nein zum Heim in Hoyerswerda” geliked, das heißt als Facebook-Seiten markiert, die ihr gefallen.

Eine Fotomontage des Bahnhof Hoyerswerda mit der Aufschrift “Hoyerswerda Abschiebebahnhof” der Facebook-Gruppe “Nein zum Heim in Hoyerswerda” kommentierte sie mit den Worten: “hab mich als Schaffner angeboten, möglichst mit Schnellzug”.

Die von Frau Williger angeführten Hoygida-Demonstrationen sind dementsprechend vor allem eine Plattform für Rechte und Rassisten aus Hoyerswerda und Umgebung. Bei ihrer ersten Demonstration Ende Januar diesen Jahres riefen zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer Parolen wie “Die Straße frei, der deutschen Jugend”, “Wir wollen keine Asylantenheime”, “Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen” und “Ruhm und Ehre der deutschen Nation”, ein Ausspruch, der nicht zufällig an die Nazi-Losung “Ruhm und Ehre der Waffen-SS” erinnert.

Es handelte sich in den letzten beiden Nächten demnach um Aufmärsche von Personen, die strukturell mit der neonazistischen Szene in Ostsachsen verknüpft sind. Diesen Umstand zu erkennen und ihn genau so zu benennen, sollte deswegen niemandem schwerfallen.

Dass sich die Polizei von diesen Tatsachen indes nicht beirren lässt und weiterhin vermeintlich sachlich von „Asylkritikern“ schreibt, lässt mich zunehmend kalt. Wenn es aber die Lokalredaktion Bautzen der Sächsischen Zeitung nicht schafft, in ihrer Berichterstattung über Bischofswerda wenigstens einmal das Wort „Rassismus“ unterzubringen, dann fällt mir, wie bei den Beamten, ebenso nichts mehr ein. Vielmehr versuchten sich die insgesamt vier Verfasser in ihrem Stück „Zwischenstopp ins Ungewisse“ an einer prinzipiellen Verharmlosung der menschenfeindlichen Proteste:

50 bis 70 Personen versammelten sich nach Polizeiangaben am Donnerstagabend vor der Einrichtung. Viele von ihnen hatten Bierflaschen in der Hand, waren alkoholisiert und traten aggressiv auf. Bereits vor dem Eintreffen des ersten Busses musste die Polizei das erste Mal eingreifen. Eine Gruppe von etwa 30 Asylheimgegnern blockierte die Zufahrt.
(…)
Während sich Freitagabend Bürger friedlich im Rathaussaal treffen, ziehen rund 70 schwarz gekleidete Asylheimgegner durch Bischofswerda Süd. Erst kurz zuvor war die Demonstration angemeldet worden – von Gabriele Williger, Frontfrau des asylkritischen Bündnisses Hoygida aus Hoyerswerda.

Menschen fliehen aus Syrien, vor niederprasselnden Fassbomben und/oder stumpfen Messern, die funktionierende Köpfe vom durchblutenten Rest trennen wollen. In Ostsachsen erwartet diese Menschen nun ein Trupp, der nicht minder menschenverachtende Dinge mit diesen Personen anrichten würde. Jene Menschen, die einen Scheiß auf die Würde anderer geben, als reformorientierte „Asylheimgegner“ zu bezeichnen, zeugt dann doch eher von der Unfähigkeit Realitäten anzuerkennen. Dazu braucht es keine Haltung. Dazu braucht es lediglich die Gabe, deskriptiv zu arbeiten – aber das war ja bekanntlich noch nie die Stärke der SZ Bautzen.

Angetrunkene Asylkritiker, ähm, Neonazis aus Bautzen mobilisieren übrigens auch heute wieder vor das Heim an der Belmsdorfer Straße in Bischofswerda – unter anderem mit dem Slogan: „Seid auch heute wieder da und unterstützt die Kameraden vor Ort.“

Update vom 20.09.15, 11:45

Gestern Abend rüttelte und klopfte es heftig an den Haustüren von @flurfunkdd und mir (@lauterbautzner). @szbautzen, das Twitter-Profil der angesprochenen Sächsische Zeitung-Lokalredaktion und im Hinterhaus wohnend, wollte dringend etwas loswerden.

@flurfunkdd anscheinend unterwegs, öffnete ich die Tür und fragte etwas erstaunt durch den Spalt:

Stimmt, auf Seite 1 der Lokalausgabe der Sächsischen Zeitung vom 19. September schreibt die Redaktion aus Bautzen tatsächlich:

Zu dem Aufmarsch hatte unter anderem die rechtsextreme Partei „Die Rechte“ über Facebook aufgerufen.

Aber darum ging es mir in meinem Artikel gar nicht. Ich bezog mich konkret auf den zum Teil realitätsfernen SZ-Leitartikel (Seite 15) sowie auf die gleichartige Online-Geschichte, Redaktionsschluss hin oder her – Nazis bleiben auch nach 22 Uhr Nazis. Diese Fakten gegenüber dem im Hausflur unruhig tippelnden @szbautzen angesprochen, entfuhr es dem Account und weckte beinahe die Nachbarn.

Ich hab dann auch einfach nur die Tür zugemacht. Das Hauslicht ging dann kurze Zeit später auch aus.

Jetzt aber mal ernsthaft und etwas ab von meiner Story über den originären SZ-Text. Die so oft von @szbautzen beschriebene erste Seite dient schlichtweg dem Schmackhaftmachen auf Geschichten, die im hinteren Teil auf die Leser warten. Ein Großteil der etwa 17.000 SZ-Bautzen-Konsumenten überfliegt die prominenten Teaser und freut sich auf ordentlich dargelegte Artikel im Lokalteil. Und dort, lieber @szbautzen-Account, stand nun mal undifferenzierter Blödsinn. Diese Blatt-Kritik kann man dann auch einfach mal annehmen, vor allem unter Nachbarn, oder man lässt es bleiben und geht wutschnaubend zurück in sein ausgebautes Dachgeschoss.

5 Gedanken zu „Betrunkene Asylheimkritiker [Update]

  1. Zitat vom vorherigen Kommentar:
    Asylgegner? Nazis? Kritik an Medienberichten zu Bischofswerda

    19. September 2015 at 17:23

    […] Der Blogbeitrag trägt den Titel: „Betrunkene Asylheimkritiker„. […]
    ————————————————————

    Und was ändert sich durch den Titel, sind die nun weniger betrunken?

  2. Man muss auch bedenken, dass es gerade für Zeitungen extrem schwierig ist, in solchen Situationen die richtigen Worte zu finden. Es ist einfach, in einem persönlichen Block von Neonazis und Rechtsextremen zu reden – bei der Zeitung stehen dann die Telefone nicht mehr still. Da gibt es hässliche Beleidigungen, Drohnungen und eine Menge von Kommentaren, die alle davon sprechen, dass dort doch gar keine Neonazis waren, sondern „betrunkene Jugendliche“ oder „besorgte Bürger.“ Das Problem sind nicht die echten Neonazis, die sehen sich auch so. Das Problem sind die „verkappten“ Neonazis, Menschen, die zwar eindeutig die selben Parolen benutzen, sich selbst aber nicht als Neonazis sehen. Viele davons in dann leider in dieser „ich bin ja kein Nazi, aber…“-Fraktion.
    Das macht es für eine Zeitung nicht einfacher. Die einen wollen klare Worte – was ich vollständich unterstütze und mir auch wünschen würde – die anderen werfen der Zeitung dann aber vor, zu lügen oder Menschen als „rechtsextrem“ zu bezeichnen, die es nicht sind (oder sich, schlimmer, nicht selbst so wahrnehmen). Wie man es also macht, man macht es falsch 🙁

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