Autoritäre Vehikel aus der Kaiserzeit. Deutsche Schulen vs. demokratische Gesellschaft

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Dieses Foto zeigt eine Schulklasse um 1925 in Großwelka b. Bautzen - mit verschränkten Armen müssen Kinder noch heute in so manchen Schulen sitzen | Foto: Johannes Meister (Deutsche Fotothek)
Dieses Foto zeigt eine Schulklasse um 1925 in Großwelka b. Bautzen – mit verschränkten Armen müssen Kinder noch heute in so manchen Schulen sitzen | Foto: Johannes Meister (Deutsche Fotothek)

Zunächst einmal ein großes Dankeschön an alle freiwilligen Helferinnen und Helfer, die sich derzeit um die Betreuung von Heimatvertriebenen kümmern. Ebenso ein herzliches Dankeschön an all diejenigen, die sich mit Sach- und Geldspenden für eine menschenwürdige Versorgung der Flüchtlinge einsetzen. Euer Engagement ist großartig!

Und dabei ist dieses Verhalten eines Großteils der deutschen Zivilgesellschaft nicht zwangsläufig. Das Einstehen für andere Menschen die in Not sind bedarf einer gewissen humanistischen Erziehung und sich daraus entwickelnden Kompetenzen. Diese Befähigung hat es in Deutschland, von staatlicher Seite, seit 1871 zu keinem Zeitpunkt flächendeckend gegeben. Und deswegen ist das derzeit in Saalfeld, München, Leipzig und Anderswo anzutreffende Verhalten umso bemerkenswerter – die helfenden Menschen haben sich quasi außerhalb der staatlichen Bildungsinstitutionen zu eben jenen emphatisch handelnden Personen erzogen, die es aktuell dringend braucht. Allgemeinbildende Schulen haben in diesem normativen Prozess leider nie eine ernstzunehmende Rolle gespielt. Universitäten konnten den Leerstand an selbstbefähigten Bürgern gerade noch für die Eliten dieses Landes abfangen – jedenfalls war das bis Ende der 90er Jahren so, vor dem Bologna-Prozess.

Berechtigterweise liegt der Fokus der medialen Betrachtung derzeit auf den Flüchtlingszügen, die sich von Süd-Ost nach Mittel-West-Europa bewegen. Dass mit den ungarischen Aktionen/Reaktionen die faktische Aufkündigung des Dublin-III-Abkommens eingeleitet wurde, sollte, wenn nicht schon nach etwaigen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts geschehen, aber doch spätestens jetzt jedem klar sein. Dublin-III, wonach Verfolgte nur dort Asyl beantragen können, wo sie zuerst den Fuß auf EU-Land setzten, fand in der Bundesregierung eine große Befürworterin. Deutschland war in Folge dieses Abkommens faktisch raus aus der Flüchtlingsaufnahmerunde. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) bestätigte diesen Eindruck im Spätsommer 2014, als er zur Aufnahme von irakischen Flüchtlinge in Deutschland sagte: „Ja, wir müssen weitere Flüchtlinge aufnehmen, wenn sie es bis zu uns schaffen.“ Die Menschen, die vornehmlich aus nordafrikanischen Bürgerkriegs- und Terrormilizgebieten flohen, schaffen es gerade zu Tausenden nach Deutschland, mit dem Segen der christdemokratischen Kanzlerin. Es ist etwas grotesk, wenn nun ausgerechnet diejenigen Menschen „Merkel, Merkel“ rufen, die noch bis vor einem Jahr mit dem Soundtrack der zynischen Kommentierung eines führenden CDU-Politikers an den Grenzen der EU-Peripheriestaaten an der Einreise nach Deutschland gehindert werden sollten.

Humanistische Grundbildung – nur außerhalb der Schule

Mit seiner Lesart des Dublin-Abkommens versuchte sich Kauder in einer Art von Rechtsdogmatik durchzogenen Anti-Humanistischer-Bildungsarbeit. Diese durchpflügte bei vielen Menschen unbestellte Demokratieböden und ließ gleichzeitig die Saat für rassistische Auswüchse in die Furchen fallen. Genauso trieben es unter anderem Aktivisten der neonazistischen Szene sowie Angestellte der Bild-Zeitung. Dass all diese Institutionen des alltäglichen Lebens recht viel Erfolg mit ihren Kampagnen gegen Nicht-Deutsche Menschen feiern konnten, lag zu großen Teilen am Versagen des deutschen und mit Steuergeld finanzierten Bildungssystems. Der Staat, der ein demokratischer sein will, tat in den letzten 70 Jahren beinahe nichts für das Erstarken einer demokratischen Zivilgesellschaft. Wenn bisher humanistische Grundbildung stattfand, dann beinahe ausschließlich in privaten Gruppen: Familie, Freundeskreis, Vereine, politische Organisationen, Privatschulen. Die Demokratiebildung wurde in den letzten Jahrzehnten, auch unter dem Eindruck der kapitalistischen Verwertungslogik, vollkommen privatisiert.

Allgemeinbildende Schulen in öffentlicher Trägerschaft gerieren sich noch immer wie Zuchthäuser aus Zeiten der Industrialisierung, nur ohne zischende Rohrstocksalven. Hinter den Mauern von Grund-, Mittel-, Haupt-, Gemeinschafts-, Berufsschulen und Gymnasien wird eine Jugendkultur herangezüchtet, die das genaue Gegenteil dessen beinhaltet, was eine emphatisch handelnde Gesellschaft implizieren sollte. Das Klassenzimmer als Ort für tagtägliche Erniedrigungen, devote Unterwerfungshandlungen, mit schlechten Kopfnoten bestrafte Diskussionsversuche, die vollständige Austrocknung des kindlichen Ideenpools. In deutschen Schulen finden nahezu all jene Übungen statt, die in autokratisch geführten Staats-System gebraucht werden: Die konsequente Sanktionierung der freiheitlichen Menschwerdung mit umerzieherischen Maßnahmen. Manche Kinder und Jugendliche erfahren aus einem fortwährenden Demütigungsprozess heraus, was es heißt, ihre an gemeinschaftlichen Handlungen ausgerichtete Selbstwirksamkeit und ethisch grundierte Kreativität am Schultor abzugeben und später nicht mehr mitzunehmen, nirgendwo hin. Nicht ins Kinderzimmer, nicht ins Freibad, nicht vor die Flüchtlingsunterkunft. Mit „Freude am Lernen“ hat das reale Schulleben nie etwas zu tun gehabt.

„Jeder Mensch ist ein Intellektueller“

Dass das derzeitige Schulsystem, das sich aus völlig lebensfernen Unterrichtsinhalten – vor allem im Sekundarbereich –, Zucht & Ordnung sowie der konsequenten Benotung von (kreativen) Leistungen zusammensetzt, in der Kaiserzeit, bei den Nationalsozialisten sowie im Staats-Sozialismus ganz selbstverständlich für den negativen Freiheitsbegriff der eigenen Gesellschaft taugte, wundert niemanden. Dass die demokratisch konstituierte Bundesrepublik Deutschland allerdings noch immer mit ganzem Stolz auf ihre kontraproduktiven Bildungsinseln verweist, entbehrt jeder emanzipatorischen Grundlage. „Jeder Mensch ist ein Intellektueller“, sagte einmal der Politiker und Pädagoge Antonio Gramsci. Damit eine solch geistige Entfaltung eines jeden Menschen überhaupt initial werden kann, bedarf es der umfänglichen Aktivierung (unter anderem) in staatlichen Bildungseinrichtungen. Institutionen also, die es ohne Bestrafung (Noten) allen Kindern und Jugendlichen ermöglichen sollte, mittels gleichberechtigter Teilhabe, Diskussion und Reflexion ihre Kreativität, ihre demokratischen Handlungen und ihre Menschwerdung vollständig ausfalten zu können. Stattdessen betreten und verlassen die nach sozialer Herkunft und Zukunft selektierten Schülerinnen und Schüler das demokratiefeindlichste Vehikel, das dieser Staat in seinem Erziehungsportfolio liegen hat. Jeden Tag aufs Neue. Selbst in Strafanstalten findet mithin mehr Reformpädagogik statt, als in schulischen Bildungseinrichtungen. Für die meisten Insassen kommt diese Art der ethischen Intervention dann aber leider meistens zu spät.

Um es resümierend festzuhalten: Bildung, auf Grundlage eines demokratischen Menschenbildes, wurde in den letzten 100 Jahren nicht an Allgemeinbildenden Schulen praktiziert. Als humanistische Bildungsinstanzen mussten bisher immer andere Stellen konsultiert werden. Mündigkeit und die positiven Effekte von Partizipationsmöglichkeiten erlangten Schülerinnen und Schüler bisher beinahe ausschließlich außerhalb der Schulgebäude – verantwortliches Handeln ebenso. Oder eben gerade nicht. Je nachdem, in welchen Umfeldern die Zukunft dieses Landes aufwächst. Sollte nicht bald eine radikale Reform des Bildungssystems eingeläutet werden, wird Deutschland im Sinne seines Fortbestands als freiheitlich konstituierter Staat bis in alle Ewigkeit am Rande seines Zusammenbruchs eskalieren (rassistische Zustände), funktionieren (mit der Hilfe außerschulischer Bildungskreise) und intervenieren (mit strafvollziehenden Maßnahmen).

„Gute Bildung“: der entmenschlichte Blick auf Noten

Wir müssen uns deswegen schlussendlich die Frage stellen, was es noch bringt, solch exklusive Bildungskästen für viel Geld und wenig gesellschaftlichen Nutzen am Leben zu halten? Wenn es immer wieder möglich ist, dass sich zivilgesellschaftliche Teile ohne staatliche Anleitung für Menschen in Not engagieren, welche Rolle kommt dann noch der Realschule zu? Genau, keine. Grundrechenarten, Rechtschreibung, Grammatik und alles weitere grundständige, wird den Menschen bis etwa zur sechsten Klasse beigebracht. Danach wird es abwegig und hat mit dem unmittelbaren Leben der Kinder und späteren Erwachsenen nichts zu tun. Es wird notwendig werden, die Heranwachsenden ab dem 12. Lebensjahr auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft mit all ihren Schwierigkeiten und Vorzügen vorzubereiten.

Dass da drüben Asylbewerberheime brennen und schräg daneben tonnenweise Spenden für die Flüchtlingsarbeit abgegeben werden, ist auch Ausfluss jener antiquierten Sicht auf „gute Bildung“, die im Grunde nichts anderes ist, als der entmenschlichte Blick auf gute und schlechte Noten. Die Weiterführung einer in seiner Gesamtheit an Emanzipation, Kreativität, Spontanität und Humanismus ausgerichteten Gesellschaft kann es nur mit einer auf diesen Grundsätzen basierenden Schule für alle geben. Die Pflicht, eine Schule besuchen zu müssen, muss zukünftig mit dem Bewusstsein verknüpft sein, „menschliche Entwicklungs- und Lebensperspektiven zu schaffen“ (Gramsci). Alles andere ist verschenkte Zeit. Oder, um es mit Rosa Luxemburg zu sagen, Quark!

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3 Gedanken zu „Autoritäre Vehikel aus der Kaiserzeit. Deutsche Schulen vs. demokratische Gesellschaft

  1. Lieber Veselin,
    wenn Du in deinem Artikel vom Fehlen eines flächendeckenden Einstehen für Menschen in Not in Deutschland seit 1871 sprichst, war entweder die DDR kein Deutscher Staat sondern nur die „Zone“ oder Du hast einiges vergessen. In der DDR war, wie Du anmerkst „von staatlicher Seite“ und zwar flächendeckend die Internationale Solidarität ein Grundprinzip der Politik und damit natürlich auch der Bildung und Erziehung. Ich denke da so an die Ausbildung von Vietnamesen, Kambodschanern, Angolanern und Chilenen (sicherlich noch nicht abschießend) deren Länder sich auch alle im Kriegszustand befanden. Mir ist nicht ein Beispiel bekannt, dass da einer auf die absurde Idee kam eine Unterkunft dieser Leute anzubrennen.
    Erst als es dieses Stück Deutschland und damit diese „staatliche Seite“ nicht mehr gab, kam es dann auch dort zu ganz üblen Zuständen.
    Über die Gründ kann man sicherlich geteilter Meinung sein, aber Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und ein plötzlicher Systemwechsel verbunden mit dem Wegbrechen der Staatsgewalt werden zu diesen schlimmen Ereignissen beigetragen haben.

  2. Zutat von Rudi mit W.

    „…………In der DDR war, wie Du anmerkst „von staatlicher Seite“ und zwar flächendeckend die Internationale Solidarität ein Grundprinzip der Politik und damit natürlich auch der Bildung und Erziehung. Ich denke da so an die Ausbildung von Vietnamesen, Kambodschanern, Angolanern und Chilenen (sicherlich noch nicht abschießend) deren Länder sich auch alle im Kriegszustand befanden. Mir ist nicht ein Beispiel bekannt, dass da einer auf die absurde Idee kam eine Unterkunft dieser Leute anzubrennen…………………..

    Und flächendeckend war auch dier Stasi, unter
    anderem ein Grund, so zu tun als wären die
    Menschen auch mit allen Ländern solidarisch und nicht nur die Sch………..DDR………..

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