Schlechte Löhne für billigen Senf

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Bautzner_headSpekulationen über die schlechte Bezahlung der Angestellten von Bautz’ner Senf hielten sich seit Jahren hartnäckig im Budyšiner Raum. Nun ist aus der leisen Ahnung eine laute geworden. Letzte Woche erreichte mich eine E-Mail von „Thomas G. aus Bischofswerda“ mit dem sehr knapp gehaltenen Text: „Bautz’ner, 5 Jahre Facharbeiter, Bewertungsgruppe III, siehe Anhang!“ – mehr war nicht zu lesen. Ob es sich bei dem Absender um einen Mitarbeiter vom Senfhersteller handelt oder nicht mehr, war nicht herauszubekommen. An die Nachricht angehängt war eine schlechte Kopie des Entgelttarifvertrags für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Auszubildender 12 sächsischer Firmen, die  im Wesentlichen mit der Herstellung von Lebensmitteln zu tun haben (Auszüge daraus gibt’s am Ende dieses Textes). Darunter auch die Develey Senf & Feinkost GmbH Werk Bautzen. Der im Juni 2014 zwischen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Landesbezirk Ost (NGG) und dem Sächsischen Arbeitgeberverband Nahrung und Genuss e.V. ausgehandelte Vertrag definiert sozusagen den Bruttolohn der Beschäftigten, die für Deutschland den „einfach leeeckeren Senf“ (Men‘s Health) produzieren. Das Entgelt, das in diesem Schriftstück unter dem Hinweis von G. ausgewiesen ist, beträgt nicht viel mehr, als der derzeitig gültige Mindestlohn von 8,50 die Stunde – nämlich 10,61 Euro, oder 1.699 Euro monatlich/brutto.

Durach ist bester Laune

Michael Durach ist bester Laune. „Spaß“, wie er einmal dem IHK-Magazin im vollen Brustton „professioneller Lässigkeit“ sagte, ist der größte Antrieb des Develey-Geschäftsführers. Die Develey Senf & Feinkost GmbH, und damit die Familie Durach, ist Deutschlands größter Senfhersteller. Zu den hauseigenen Marken zählen unter anderem Löwensenf, Born Senf und auch Bautz’ner. Der Jahresumsatz des bayerischen Unternehmens lag 2012 bei etwa 400 Mio. Euro und dürfte 2015 nicht viel niedriger sein. Erarbeitet wird dieser finanzielle Erfolg von nahezu 1.700 Beschäftigten. Trotz der guten Zahlen sieht Durach, der unter anderem McDonald’s zu seiner Kundschaft zählt, die besondere Herausforderung für das laufende Geschäftsjahr in den „Kostensteigerungen im Zusammenhang mit dem Thema Mindestlohn.“

Bautzner
Der hellblaue Preisbrecher aus Ostsachsen nahezu ausverkauft – selbst die EDEKA-Eigenmarke „gut und günstig“ ist teurer.

Mit Senf aus Bautzen konnte der Familienbetrieb aus Unterhaching – der nach der Wende einige Ost-Senf-Marken in der allgemeinen Goldgräberstimmung der Treuhandanstalt abkaufte – die Marktführerschaft im Segment „Mittelscharfer“ übernehmen. „Der Senf schmeckt einfach gut. Er ist ein fantastisches Produkt mit einer hervorragenden Qualität“, schwärmte Durach in der Super Illu über das matte Gold von der Spree. Vor allem aber dürfte der reißende Absatz im niedrigen Verkaufspreis begründet liegen. Im Schnitt kostet der 200-g-Becher „Mittelscharfer“ in Super- und Discountmärkten zwischen 29 und 35 Cent. Damit ist der Most aus der Oberlausitz etwa 7-mal so billig, wie der französische Dijon-Senf der Marke „Maille“, die wiederum zum Multi-Konzern Unilever gehört. Ein ungleicher Preiskampf, der sich, wie auch in anderen Wirtschaftszweigen, anscheinend ganz wunderbar auf den Rücken der Beschäftigten ausgetragen lässt.

Billige Würzpaste für Osteuropa

Von dieser bilateralen Auseinandersetzung, die stellvertretend für das gesamte deutsche Lohndumpingsystem in der Eurozone steht, ist in Bautzen nichts zu spüren. Denn Budyšin feiert seinen Senf. Ob mit „Senfi“, dem Plüschtier in Form eines Senfeimers, das über die Website der Stadt bestellt werden kann und für ein Gewinnspiel in alle Selfie-Regionen dieser Welt mitgenommen werden soll, oder mit den derzeit laufenden Senfwochen, in denen gastronomischen Einrichtungen allerlei Gerichte in mittelscharf kredenzen – im heißen Spätsommer dieses Jahres ist der scharfe Begleiter aus Kleinwelka der Star des (Grill-)Abends. Die „Senfstadt Bautzen“ profitiert von der scharfen Paste genauso, wie der Konzern aus dem Münchener Vorort. In allen anzunehmenden Bereichen wird in der Tourist-Information Bautzen-Budyšin, die von der stadteigenen Beteiligungsgesellschaft betrieben wird, mit dem namenstragenden Lebensmittel für die Große Kreisstadt geworben: T-Shirts und Aufkleber mit „Mittelscharfer Bautzner“-Aufschrift, Heimweh-Boxen (auch mit Senf gefüllt), oder eben der kuschelige „Senfi“.
Die bayerische Zweigstelle kurz hinter dem zweisprachigen Ortsausgangsschild hat es auch mit der hiesigen Presselandschaft gut getroffen. Nahezu jeder Pressetermin endet bereitwillig in einer Erfolgsgeschichte des Traditionsunternehmens, das es bereits seit den 1950er Jahren gibt. Damals wurde der mittelscharfe Senf noch im „VEB Essig- und Senffabrik Bautzen“ und später im „VEB Lebensmittelbetrieb Bautzen“ hergestellt.

Rosas Senf

Zu volkseigenen DDR-Zeiten produzierten etwa 200 Menschen Senf für den sozialistischen Staat. Heute sind es derer noch gut 50, die den Kampfpreis-Senf der Marke Bautz’ner für gesamt-deutschen Markt im Dorf nördlich von Bautzen produzieren. Und damit nicht genug. Wie Durach der Super Illu außerdem mitteilte, stellt das „neue, moderne Senfwerk“ nun auch für Osteuropa die billige Würzpaste her. „Dort kommt der Bautz’ner mit seinem Geschmacksprofil sehr gut an.“ Um den Expansionskurs zu unterfüttern, müssen pro Jahr gut 3.000 Tonnen Senfsaaten, etwas Essig und Gewürz zu Senf für 24 Millionen Becher verarbeitet werden. Thomas G. soll dafür gerade einmal 1.300 Euro netto monatlich bekommen haben – wohlgemerkt beim deutschlandweiten Marktführer für mittelscharfe Senfprodukte, der nun auch die Bratwürste in Osteuropa würzen möchte.

Nicht mehr als Grundsicherung

Auf meine Nachfrage bei der für den Tarifvertrag mitverantwortliche NGG Landesbezirk Ost, ob und wie es sein kann, dass beim Platzhirsch für Senfprodukte Löhne für Facharbeiterinnen und Facharbeiter gezahlt werden, die gerade einmal 200 Euro über dem deutschlandweit gültigen Mindestlohn liegen, erhielt ich: keine Antwort. Ebenso nicht auf die Frage, ob da nicht doch etwas zurückhaltend angesetzt wurde bei der Lohnforderung für Ausgelernte.
Aber auch ohne Stellungnahme der NGG ist davon auszugehen, dass die Develey Senf & Feinkost GmbH seinen Arbeitern im Werk Bautzen sehr schlechte Löhne zahlt. Mit einem Jahresgehalt von etwas mehr als 20.000 Euro bliebe nach einem Leben voller schwerer Arbeit gerade einmal die Grundsicherung. Besonders viel Spaß, wie es Durach bei der Ausübung seines familiären Geschäftsführerpostens verspürt, könnte sich dann bei Thomas G. und seinen Kolleginnen und Kollegen mit Blick auf die Kontoauszüge dann sicher nur bedingt einstellen.

Übrigens: Wenn auf der Internetseite von Bautz’ner von Familie die Rede ist, dann meint die Marketingabteilung damit nicht das anerkennende und wertschätzende Miteinander von Belegschaft und Geschäftsführung. Unter Familie versteht der Senf-Riese aus dem Osten „7 Senfsorten, 3 Ketchups, 6 Bruzelsaucen, 3 Salat-Dressings und 12 Feinsaure Delikatessen“ – „im Namen des guten Geschmacks“, versteht sich.

3 Gedanken zu „Schlechte Löhne für billigen Senf

  1. Ich möchte mal wissen ob die Fachkräfte in Unterhaching auch mit diesem Lohn abgespeist werden, zumal ich gehört habe, dass eine Fachkraft (Facharbeiter)bei Bautzner Senf nur 9,80 € die Stunde bekommt.
    Der Gerechtigkeit wegen soll angemerkt werden, dass wohl Weihnachtsgeld und ein wenig Urlaubsgeld gezahlt wird.
    Dieser Verdienst beim „Marktführer“ wird im Osten der Republik kein Einzelfall sein aber nur so können sich die Chefs im Westen die Taschen füllen.
    Was sagt denn die Gewerkschaft dazu?

  2. Wenn man jetzt schon nach Osteuropa exportiert, ist doch wohl endlich die Zeit gekommen für den Zusatz „Budyski žonop“. Wobei – solange der unter solchen Bedingungen produciert wird, können sie das auch deutsch lassen.

  3. Im äußersten Osten von Sachen leider keine Seltenheit!
    Hier werden Hochwertige Lebensmittel und Getränke zu dumping Löhnen hergestellt!
    3 Schichten arbeiten auch am Wochenende und zum Monatsende gerade mal knapp 1100€ in der Lohntüte.
    Die Chefs (meistens) aus den alten Bundesländern wissen am Jahresende bald nicht mehr in was sie investieren sollen um keine Steuern auf ihren Gewinn zu zahlen.
    Wir sind bei einen sehr bekannten Getränkehersteller tätig,wo es schon jahrelang keine Lohnerhöhungen gegeben hat. Bruttolöhne über 1900€ haben nicht einmal die Schichtleiter.
    Ich persönlich finde diese Entwicklung einfach nur traurig,weil so steuert man durch harte Arbeit direkt in die Altersarmut!

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