Le Havre: Teil 1 – Geschichte und Architektur

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Vor einem Monat besuchte ich für reichlich zwei Wochen die französische Hafenstadt Le Havre, Normandie. Nord-Normandie. Und gerne möchte ich da wieder hin. Warum? Das schreibe ich euch in drei Teilen auf den weißen Bildschirm – beginnend mit einem kleinen Rundgang durch Geschichte und Stadt. Amusez.

Le Havre

Eingebettet zwischen Seine, Kreidefelsen und Ärmelkanal zählt der Ort etwa 173.000 Havrais. Havrais, so werden die Einwohner Le Havres genannt. Die Stadt, die schon von Monet gezeichnet wurde, ist somit die größte in der Normandie. Nur zu Platz zwei hat es indes bei der Hafengröße gereicht. Mit einem jährlichen Umschlagvolumen von etwa 68,5 Mio. Tonnen verfügt Le Havre über den zweitgrößten Hafen Frankreichs. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war dieser noch der mächtigste seiner Art für den Rohkaffee-Umschlag. Von dieser handelswirtschaftsgeschichtlichen Einordnung ist heute leider nur wenig in der Stadt zu sehen. Kaffeeröstereien sucht man beispielsweise im unmittelbaren Stadtmittelpunkt vergebens. Fündig werden Kaffeeliebhaber in einem weitab vom neugestalteten Ortskern gelegenen Geschäft, das die Kaffeetradition als schmackhafte Handwerkskunst wach zu hält. Es empfiehlt sich den Weg zur „Torrefaction de Sanvic“ über die 1890 eröffnete und 343 Meter lange Standseilbahn „Funiculaire du Havre“ zu nehmen. Für 40 Cent pro Fahrt bekommt man nicht nur einen kleinen Einblick in historische Aufzugstechnik, sondern auch einen Überblick über die imposante Architektur Le Havres.

Le Havre

Womit wir auch schon bei dem eigentlichen Highlight des Aufenthalts wären: der von Auguste Perret 1945 entworfenen Neuplanung der Innenstadt. Viel war ja nicht mehr übrig geblieben von den Fischerhütten, von den Stadtpallais und von den opulent ausgeschmückten Reederhäusern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Über 5.000 Menschen kamen während der 132 alliierten Bombenangriffen im September 1944 ums Leben; über doppelt so viele Gebäude wurden vernichtet. Den schweren Zerstörungen vorausgegangen war die Besetzung der Stadt durch deutsche Faschisten. Le Havre steht damit stellvertretend für eine Reihe von normannischen Städten, die aufgrund der nazistischen Okkupationskriege zerstört wurden.

Nach der Niederlage Frankreichs besetzten die Nazis ab 1940 die Stadt, errichteten eine Garnison von 40.000 Mann und bauten den Hafen als Teil des Atlantikwalls zu einer Festung aus. Wie in allen von Faschisten besetzten Ortschaften waren auch in Le Havre insbesondere jüdische Menschen von Repressionen, Terror und Verfolgung betroffen. Den vielen Toten, Deportierten und Gefolterten wird noch heute an prominenten Stellen im Stadtgebiet gedacht – ebenso der über die gesamte Besetzungsphase hinweg operierenden Résistance-Bewegung.

Wen Eisenhüttenstadt wegen seiner Häuser begeistern, wird Le Havre mögen. (Ves‘)

Überhaupt stellt der gesamte Stadtkern ein großes Mahnmal an die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs dar. Der angesprochene Perret, als Meister des Eisenbetonbaus, schuf mit weiteren 60 Architekten zwischen 1945 und 1954 auf den kriegsbedingten Staubflächen der einst so prachtvollen Hafenstadt ein monumentales Ensemble, das mit seinen Linien und Formen ein wenig an die sozialistischen Planstadt Eisenhüttenstadt erinnert. Gerade Umrisse, ausladende Boulevards, breite Kolonaden, üppige Wohnterrassen, wenig Ornament – begeisternde Betonarchitektur.

Le Havre

Und über all dem thront die 1957 errichtete Kirche St. Joseph. Mit 107 Metern ist die im neoklassizistischen Stil errichtete Kirche von nahezu jeder Stelle Le Havres gegenwärtig. Gleichzeitig dient das Gotteshaus als Gedenkstätte für die Zerstörung der Stadt und für ihre Toten bei der Befreiung Frankreichs 1944. In deren Sichtachse zum „Bassin du Commerce“ ragt völlig unvermittelt ein Betonkanten zersprengender Kühlwasserturm empor. Jedenfalls erinnert seine zylinderartige Form an ein solch obligatorisches Kraftwerksmodul. Die Bevölkerung nennt das von Oscar Niemeyer entworfene Kulturzentrum „Maison de la Culture du Havre“ allerdings „le volcan“ – der Vulkan. Davon und von allen anderen Punkten der Innenstadt ausgehend findet so ziemlich jede große und kleine Straße ihren Kulminationspunkt im überdimensionierten und mit Wasserspielen verzierten Rathausplatz samt nachgelagertem Verwaltungsgebäude. Jener Platz, so wird es hier und da geschrieben, soll wohl der größte seiner Art in Europa sein. Bei so viel ausladender Opulenz kam die UNESCO dann wohl nicht umhin, Le Havre im Juli 2005 als bislang einziges Stadtensemble des 20. Jahrhunderts in die Liste des UNESCO-Welterbe aufzunehmen.

Le Havre - Maison de la Culture du Havre

Gesäumt wird das Architekturdenkmal von charmanter Altbausubstanz, die ein an englische Vorstädte erinnert, und dem üblichen Neubauschick, der sich im Wesentlichen am ruinösen Teil des Hafens breitzumachen versucht.

Wer nun allerdings versucht, sich zwischen Fischmarkt und Strand in einem glasverzierten Hotelkomplex einzumieten, wird bitter enttäuscht. Es gibt kein Einziges dieser Art in Wassernähe. Vielmehr steht an einem heruntergekommenen Bürogebäude in Blickweite zum Jachthafen gesprüht: „Wir haben keine Angst vor den Ruinen.“ Was sonst noch so an den Häuserwänden zu finden ist, erfahrt in Teil 2 der dreiteiligen Le Havre-Serie.