"Alles Grauzone!" – Bibliotheken in die Pflicht nehmen

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Vorletzten Freitag lud das Steinhaus Bautzen zu einer Gesprächsrunde über die sogenannte „Graunzone“ und knapp 20 Interessierte, darunter die Podiumsmitglieder vom East-Club Bischofswerda, Jugendhaus Neukirch, Steinhaus Bautzen, der Band High Society (trotz veritabler Absagen an neonazistisches Gedankengut als Grauzonenband bezeichnet), ein Mensch, dessen Hintergrund mir leider entfallen ist, und Landrat Michael Harig (CDU), folgten der Einladung. Den Anlass zu der Veranstaltung bot ein Vorfall im Herbst des letzten Jahres, als das Jugendhaus Neukirch die rechtslastige Band Limited Booze Boys für ein Konzert buchte. Daraufhin überschlugen sich die Ereignisse: aufgrund heftiger Kritik sagte das Jugendhaus den Auftritt der Band ab, politische Konsequenzen drohten.
Gesprächsbedarf bestand also zur Genüge, im Kaminzimmer des Steinhaus-Exil‘.

Da nun mittlerweile über eine Woche seit der Veranstaltung – zu der ich auch noch 10 Minuten zu spät kam – vergangen ist, sind mir nicht mehr alle Äußerungen im Ohr. Ich möchte trotzdem versuchen, mit wenigen Schlaglichtern die Positionen der jeweiligen Teilnehmer wiederzugeben. Anschließend möchte ich meine ganz persönliche Meinung zum Gesagten – was ich auch schon während der Veranstaltung tat – wiedergeben und Überschneidungen zu einer anderen öffentlichen Einrichtung offen legen.

Konsequent Unsicher

Im Grunde herrschte unter den Teilnehmenden in vielerlei Hinsicht Unsicherheit darüber, welche inhaltlichen/moralischen Maßstäbe man ansetzen solle, um sog. Grauzonenbands zu erkennen. Manch einer (East-Club) löst für sich die Situation indem bei unbekannten Bands auf das Attribut „unpolitisch“ geachtet wird oder informiert sich auf den Seiten des Conne Island Leipzig. „Die kennen sich damit aus.“ Andere (Steinhaus) wiederum gaben zu, „bisher Glück mit ihrer Bandauswahl gehabt zu haben.“ Landrat Harig, der als Geldgeber für Öffentliche Jugendhäuser den Weg zur Veranstaltung gefunden hatte, rezitierte eine Textpassage der Band Lammkotze (trat im Januar 2012 im Jugendhaus Neukirch auf) und war sichtlich empört. Seiner Meinung nach können solche Sachen gerne in privaten Veranstaltungsräumen gespielt werden, „damit habe ich überhaupt kein Problem; aber nicht in öffentlich finanzierten Jugendhäusern.“ Zur Begründung dieser Aussage zog er das Sozialgesetzbuch, Achtes Buch, (SGB VIII) über die Kinder und Jugendhilfe heran. Ein Vertreter der Band High Society beschwerte sich über die leichtfertige Vorverurteilung seiner und anderer Combos durch das Portal Oire Szene. Einmal den Stempel „Grauzone“ auf der Stirn, wird es schwer diesen wieder abzubekommen. Oire-Szene, da waren sich alle Anwesenden einig, gilt dennoch als gewichtiges Medium, wenn es um die Einteilung in Braun, Grau und Nicht-Grau geht. Worin sich aber alle unschlüssig waren: welche moralischen Maßstäbe an Liedtexte von Bands angelegt werden sollten und wie für ein Jugendhaus eine adäquate Vor- bzw. Nachbetrachtung einer noch laufenden bzw. einer schon gelaufenen Show mit einer „Grauzonenband“ ablaufen soll.

Die oben gemachten Aussagen, vor allem die von Landrat Harig, haben mich noch weit nach der Veranstaltung beschäftigt. Während meiner Nachfrage, warum er die Jugendhäuser in die Pflicht nimmt, die ebenfalls staatlich finanzierten Öffentlichen Bibliotheken mit ihren vielfältigen Musik- und Buchbeständen vollkommen aus der Diskussion heraus lässt, fiel mir auf, dass das originäre Ziel der Grauzoneneinteilung, nämlich vor allem im Bereich des Hardcore-Punk genauer hinzuhören/hinzusehen, deutlich erweitert werden muss. Nimmt man als Grauzonen-Einteilungsmaßstab die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, so besteht das ganze Leben bzw. müsste das ganze Leben aus kontinuierlichen Grauzonendiskussionen bestehen. Jeden Tag aufs Neue sollten auf Basis jener Rechte publizierte Inhalte einer sachlichen Diskussion unterzogen und auf etwaige Missachtungen abgeklopft werden.

Wird dieser universelle Ansatz aufgenommen, erscheint es logischerweise viel zu einfach, wenn Harig die „privaten Anbieter“ aus dieser Diskussionskette herauszieht. Zwar werden diese Häuser nicht durch Steuergeld finanziert, gesamtgesellschaftlicher Diskurs über die wiedergegebenen Textaussagen findet trotzdem statt. Wie ein solcher Diskussionsprozess ablaufen kann, hat man in letzter Zeit am Beispiel Frei.Wild gesehen.

Homophobie, Sexismus, Rassismus, Nationalismus oder Chauvinismus, alles Themenbereiche, die nicht nur von Vertreter verschiedener Sub-Kulturen bedient werden können, sondern auch durchaus kommerziell erfolgreiche Bands/Künstler/Schriftsteller propagieren.

Öffentliche Bibliothek als permanente „Grauzone“

Deutlich weniger laut wird die „Grauzonendebatte“ indes bei Buchproduktionen geführt (sieht man einmal von solchen Ausreißern wie der Debatte um „Deutschland schafft sich ab“ ab). Im Gegensatz zur Musik, gilt das niedergeschriebene, gedruckte, gebundene und verlegte Wort immer noch als wahrhaftig. Dass aber auch solcherlei Inhalte kritisch betrachtet werden müssen, wurde bereits an anderer Stelle festgestellt.

Nehmen wir nun einmal den Hinweis des Landrats auf und schauen uns §14 „Erzieherischer Kinder- und Jugendschutz“ SGB VIII durch die Brille eines Bibliothekskritikers an:

(1) Jungen Menschen und Erziehungsberechtigten sollen Angebote des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes gemacht werden.

(2) Die Maßnahmen sollen

1. junge Menschen befähigen, sich vor gefährdenden Einflüssen zu schützen und sie zu Kritikfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit sowie zur Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen führen,

2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte besser befähigen, Kinder und Jugendliche vor gefährdenden Einflüssen zu schützen.

Öffentliche Bibliotheken verfolgen die Befähigung von Kindern und Jugendlichen in keiner Weise in jener Intensität, wie es die verschiedenen Jugendeinrichtungen tun. Es verlangt ja auch niemand von Ihnen. Auf meine Aussage in Richtung Harig, dass ein gewisser Udo Ulfkotte in Öffentlichen Bibliotheken unwidersprochen die Deportation von „Zigeunern“ fordern kann, erntete ich zunächst ungläubiges Staunen und später folgenden Satz (sinngemäß): „Wenn das so ist, dass solche Inhalte in Bibliotheken angeboten werden, dann ist das zu verurteilen. […] Aber in gewisser Weise vertraue ich den Angestellten der Bibliothek.“

ÖBs in die Verantwortung nehmen

Dass musikalische Produktionen deutlich intensiver von Jugendlichen konsumiert werden, als es bei Büchern der Fall ist, stellt wissenschaftlichen Konsens dar. Über das Hören bestimmter Bands können Emotionen entwickelt, politische Meinungen gefestigt und Abgrenzungen zu anderen Jugendkulturen nachhaltig herausgebildet werden. Solche dauerhaften Sozialisationsmechanismen sind beim Lesen eines bestimmten Buches bzw. eines literarischen Genres nur schwer möglich. Deswegen sind auch Jugendhäuser bei der Auswahl ihrer Bands besonders in die Pflicht zu nehmen. Jugendhäuser sind im Grunde für zwei Punkte haftbar zu machen: 1. welche Inhalte in ihren Räumen wiedergegeben werden und 2. wie sie die Befähigung der jungen Menschen bzgl. des kritischen Umgangs mit Textproduktionen sicherstellen. In Öffentliche Bibliotheken sollten diese Grundsätzlichkeiten unisono umgesetzt werden. ÖBs müssen gleichsam dafür einstehen, Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, entsprechende Buch- und Musikproduktionen deuten, einschätzen und entsprechend kritisieren zu können. Setzt eine Bibliothek diese in SGB VIII geforderte Befähigung nicht nur nicht um – etwa durch Vorträge, Informationstafeln, Blogbeiträge, Aushänge, Diskussionsveranstaltungen, Themenwochen etc. -, sondern erwirbt weiterhin Medien, die mit ihren Aussagen den Menschenrechten widersprechenden, so handelt die Bibliothek schlicht verantwortungslos.

Um es auf einen zusammenfassenden Punkt zu bringen: Genauso wie staatlich finanzierte Jugendklubs und private Konzerthäuser in die gesellschaftspolitische Pflicht genommen werden, sich mit den Inhalten gebuchter Bands auf Grundlage der Menschenrechte auseinander zu setzen, so müssen sich auch Öffentliche Bibliotheken mit den von ihnen dargebotenen „Grauzonenmedien“ befassen, um daraus Schlüsse für die Bildungsarbeit mit Kinder und Jugendlichen zu ziehen.

An der vom Steinhaus initiierten Gesprächsrunde „Grauzone“ nahmen im Übrigen keine Vertreter öffentlicher Bibliotheken teil. Der Rest des Podiums möchte zukünftig in engem Kontakt bleiben, um über weitere Vorgehensweisen bzgl. dieser Thematik zu beraten.