Very nice shot!

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Zuerst war die Geschichte in der Sächsischen Zeitung vom exklusiven Kaffeemühlenhersteller Mahlkönig aus Hamburg. Immer mehr Menschen würden die Espressomaschine samt Mahlwerk anwerfen: „Der Trend geht weg vom Vollautomaten.“

Kurze Zeit danach, wurde im Laufe eines Gesprächs über nützliche Entschleunigungsübungen auch über die Zubereitung von Espresso gefachsimpelt:
„Was? Du hast eine Espressomaschine?! So eine, bei der man erstmal 10 Minuten warten muss, bis sie betriebsheiß ist? So eine etwa, die laut und schwer ist? So eine gar, die richtigen Espresso kochen kann?“
„Ja.“
„Krass. Davon wusste ich ja gar nichts. Hast du auf LaBa nie erwähnt!“
„Ich muss ja nicht immer mein Innerstes nach außen kehren.“


Wiederum knapp danach, stupste mich jemand mit der Nase auf dieses Comic von Katzeundgoldt.de:

Und zu guter Letzt stellte sich der Koch des Freitag, Jörn Kabisch, die alles entscheidende Frage: „Was ist ein göttlicher Schuss?

Ich liebe Espresso. Ich liebe vor allem den ersten Schluck, wenn die rötlichbraune Crema dickflüssig wie Sirup auf die Zunge fließt – und zuschlägt. Die Hämmer bestehen aus Schokoladentönen, Nuss-Aromen, etwas Säure und dezenten Rauchanteilen. Ich bin danach süchtig. Man kann mich dabei ertappen, wie ich nach einem wirklich guten Schluck Espresso noch eine Weile den Mund geöffnet habe, damit Luft an den Gaumen strömt und den Geschmack verlängern kann. Ich gebe da sicher ein ziemlich blödes Bild ab, wenn ich so mit gebleckten Zähnen in einer Kaffeebar sitze. Aber das ist mir egal. Ich befinde mich gerade im Nirwana des Koffeinisten. Und das ist ein seltener und nur allzu kurzer Glückszustand.

Der Autor beschreibt genau das, was ich, und jetzt verkünde ich es offiziell und vor aller Welt, auch jeden Tag genießen darf: frischen, heißen, göttlichen Espresso!
Bei der Vorbereitung und dem eigentlichen Kochakt sind mir eine Mühle der Firma Graef und eine italienische Schönheit namens Agata behilflich. Sie, eine Siebträgermaschine (Zweikreiser) in creme mit roten Zierstreifen, entstammt dem Hause La Nuova Era und wurde irgendwann im Jahre 2010 geboren.
Generell ist die Zubereitung eines Espressos mit einer Siebträgermaschine nicht mit dem Vorgang in einem Vollautomaten zu vergleichen. Wie Kabisch im Freitag äußerst treffend beschreibt, gelingt der perfekte Espresso mit einer in Kleinserie hergestellten Maschine fast nie. Außer, es regnet draußen nicht. Ein Vollautomat hingegen liefert Tag für Tag dieselbe Qualität ab – auf welchem Niveau ist eine andere Frage. Dass man explizit vom Espressokochen, also von der händischen Zubereitung eines Heißgetränks spricht, versteht sich erst dann, wenn man sich diejenigen Schritte anschaut, die es für einen „göttlichen Schuss“ braucht. Ohne jetzt zu sehr ins Detail gehen zu wollen, aber um einen brauchbaren Double-Shot (doppelter Espresso) zu servieren, müssen folgende Faktoren vom Nachwuchsbarista bedacht werden: Kaffeeart/-bohnenmischung (100% Arabica? 80% Arabica, 20 % Robusta?), Mahlgrad, Anpressdruck des Kaffeemehls im Siebträger (mittels Tamper), Wasserhärte, Durchlaufzeit, Reinigungszustand der Maschine(n) (-> eigenes Kapitel). Bei jedem dieser Schritte können schwerwiegende Fehler passieren. Fehler, die einem von zu erwartungsfrohen Gästen gerne mal mit Sätzen wie: „Da schmeckt mein Filterkaffee besser“ oder „Hast nicht du mal einen richtigen Kaffee“ quittiert werden. Das ist dann in etwa so, als wenn man der Mama sagt, die Roulade bekommen die in der Mensa besser hin. Gelingt er dann aber doch, der alles umwerfende Sud mit golbrauner Crema, dann ist der Koch der Held und die Gäste selig. So wie Herr Kabisch, der noch eine Sekunde lang mit offenem Mund am Tisch sitzt.

Nun will ich aber auf gar keinen Fall alle diejenigen mit Missachtung strafen, die lediglich über eine Filter-, Kapsel-, Pad- oder Was-Auch-Immer-Kaffeemaschine verfügen. So eine Agata kann nämlich richtig ins Geld gehen. Wählt man dazu noch eine „vernünftige“ Kaffeemühle, findet man sich ratzefatz im vierstelligen Eurobereich wieder. So eine Anschaffung will nicht nur des Geldes wegen wohl überlegt sein. Nicht umsonst werden das Espressokochen und das Espressomaschinensaubermachen als hervorragende Entschleunigungsübungen von allen stressgeplagten Menschen südlich des Prenzlauer Berges empfohlen. Wer das aber alles kann und vor allem will, für den wird es nie wieder einen besseren Espresso, Cappuccino oder Kaffee (espresso lungo) geben, als seinen eigenen.

Und wie Milchschaum geht, verrate ich euch ein anderes Mal.